Doping und Krawalle: Russland droht der Sturz ins Abseits

+
Minister Witali Mutko ist in Russland für den Sport zuständig. Foto: Marcus Brandt

Für die stolze Sportnation Russland ist es eine Woche der Wahrheit. Der Leichtathletik-Weltverband entscheidet nach dem Dopingskandal über ein mögliches Olympia-Aus der Russen. Daneben sorgen russische Fans für hässliche Gewaltbilder bei der Fußball-EM in Frankreich.

Moskau (dpa) - Nur zwei Jahre nach den vom Kreml glanzvoll inszenierten Olympischen Winterspielen von Sotschi droht das Bild von Russland als stolzer Sportnation wie ein Kartenhaus zusammenzufallen. "Das schlimmste Szenario ist leider denkbar", räumt Moskaus mächtiger Sportminister Witali Mutko ein.

In einer historischen Sitzung entscheidet der Leichtathletik-Weltverband (IAAF) am Freitag in Wien über einen möglichen Ausschluss der russischen Leichtathleten von den Sommerspielen in Rio de Janeiro. Es wäre der erste Bann dieser Art in der rund 120-jährigen Olympia-Geschichte.

Russlands Ruf ist mehr als ramponiert. Nicht nur Dopingfälle sondern auch gewalttätige Fans bei der Fußball-EM in Frankreich sorgen international für Negativschlagzeilen - nur zwei Jahre vor der Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land. Minister Mutko reagiert ungewohnt gereizt. "Was hat die WM 2018 damit zu tun?", blafft er Journalisten nach den Krawallen am Wochenende in Marseille an.

Jahrelang war Doping ein Tabuthema in Russland. Doch spätestens seit der zweijährigen Sperre gegen Tennisstar Maria Scharapowa wegen der Einnahme des verbotenen Präparats Meldonium geht auch in Moskaus Leichtathletik massiv die Angst um. "Mit einem Olympia-Ausschluss wäre Russland offiziell als Betrüger gebrandmarkt", schreibt etwa das Fachblatt "Sport-Express". Der glanzvolle, aber wohl auch durch Doping beeinflusste Sieg des Gastgebers in der Nationenwertung in Sotschi 2014 ist längst vergessen - "eine Sperre in Rio wäre eine Katastrophe", meint der TV-Sender Match.

Mit Macht stemmt sich das Riesenreich gegen das drohende Aus - mitunter mit umstrittenen Methoden. So beschimpft Präsidentensprecher Dmitri Peskow russische Sportler und Ex-Funktionäre, die im Ausland von Dopingpraktiken berichten, als Verleumder und Verräter. Das vom Kreml gelenkte Staatsfernsehen stellt den deutschen Journalisten Hajo Seppelt, Autor mehrerer Doping-Filme, als Russlandhasser dar. Und Mutko spricht von "bedauerlichen Einzelfällen". Er warnt mit Nachdruck davor, das Land unter Generalverdacht zu stellen.

Es ist Moskaus schärfste Waffe: die Kritik am pauschalen Ausschluss. Denn saubere russische Sportler wie Stabhochsprung-Weltrekordlerin Jelena Issinbajewa wollen klagen, sollten sie im Zuge des Dopingskandals für Rio ebenso gesperrt werden wie erwischte Kollegen. Dem internationalen Sport droht dann wohl eine lähmende Prozesslawine - über Olympia hinaus. "Seit 20 Jahren sind meine Dopingproben negativ, und jetzt soll ich wegen der Verstöße anderer gesperrt werden", kritisiert Issinbajewa. Dabei werde auch im Westen gedopt, sagt die 34-Jährige und nennt unter anderem Deutschland und die USA.

Immer mehr wird der schwere Streit in politischen Krisenzeiten auch zu einem Konflikt zwischen Ost und West. Manch russische Funktionäre halten die Vorwürfe für Rufmord. Für sie ist klar: Die Schuldigen sitzen im Westen und knüpfen mit einer Kampagne an die Sanktionen gegen Russland wegen der Ukraine-Krise an. Der russische Radiosender Echo Moskwy sieht derzeit die härteste Belastungsprobe für den Sport seit den Olympia-Boykotten 1980 in Moskau und 1984 in Los Angeles.

Dazu passt ein Offener Brief des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) an Thomas Bach, den Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Darin heißt es, dass das IOC im Falle einer Sperre Russlands auch jenen Sportlern den Start in Rio verweigern soll, die negative Dopingtests vorweisen. Grund: Es gebe in einigen Ländern - gemeint ist auch Russland - kein vertrauenswürdiges Kontrollsystem.

Genau das aber erhofft sich Russland bei einer möglichen Niederlage am Freitag bei der IAAF-Sitzung an der Donau: eine Hintertür für Medaillenhoffnungen wie Issinbajewa, um doch im August in Brasilien starten zu können. Sportliche Erfolge könnten dann vom Dopingskandal ablenken und vom Kreml zudem ausgeschlachtet werden. Denn nur wenige Wochen nach den Olympischen Spielen in Rio finden in Russland im September Parlamentswahlen statt. Bilder von gesperrten Athleten, die noch vor kurzem von Putin empfangen wurden, machen sich da schlecht.

Mehr zum Thema

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare