1980 war er Kapitän der Europameister-Elf von Rom

Bernard Dietz im Interview zur EM: "Es gibt auch heute noch viele gute Jungs!"

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Bernard Dietz empfing unsere Redaktion in seinem Haus in Walstedde.

Hamm - 1980 führte Bernard Dietz, der für den MSV Duisburg und den FC Schalke 04 in der Bundesliga spielte, die deutsche Nationalmannschaft als Kapitän bei der Fußball-Europameisterschaft in Italien zum 2:1-Finalerfolg in Rom über Belgien. In seinem Haus in Walstedde vor den Toren der Heimatstadt Hamm sprach Peter Schwennecker mit dem inzwischen 68-Jährigen über seine EM-Erinnerungen und darüber, welche Chancen er der deutschen Nationalelf in Frankreich einräumt.

Vor 36 Jahren wurden Sie mit Deutschland in Rom Europameister. Denken Sie noch oft an das Finale gegen Belgien zurück?

Bernard Dietz: 36 Jahre, das ist schon ein Hammer, wie die Zeit wegläuft. Natürlich erinnert man sich immer wieder gerne daran. Jetzt waren die Jungs im Trainingslager in Ascona, wir haben uns 1980 in der Sportschule Barsinghausen vorbereitet. Die Erinnerungen sind aber noch frisch. Unser erstes Spiel haben wir damals gegen den amtierenden Europameister Tschechien, obwohl wir uns schwer getan haben, 1:0 gewonnen. Das nächste Spiel war gegen die Niederlande, in den Spielen gegen Holland war immer Zoff drin.

Sie sollen damals Lothar Matthäus zu seinem Länderspieldebüt verholfen haben.

Dietz: Das stimmt. Wir haben gegen die Holländer durch drei Tore von Klaus Allofs mit 3:0 geführt. Ich habe mich damals 20 Minuten vor Schluss auswechseln lassen. Matthäus war damals 18 Jahre, lief sich schon lange warm. Als kein anderer raus wollte, habe ich unserem Trainer Jupp Derwall ein Zeichen gegeben, dass ich ein leichtes Zwicken im Oberschenkel hätte, damit der Lothar zu seinem Einsatz kommt. Der war gerade auf dem Platz, da fiel das 3:1 durch Elfmeter. Ausgerechnet von Matthäus verursacht, doch das Foul war deutlich vor der Strafraumgrenze. Dann kassierten wir noch das 3:2. Jupp Derwall und ich schauten uns an, uns lief der Angstschweiß schon in die Hose. Doch am Ende hat es ja geklappt.

Sie waren dann im letzten Gruppenspielspiel gegen die Griechen als Kapitän nicht dabei.

Dietz: Uli Stielike, Bernd Schuster und ich waren mit Gelb vorbelastet. Die Niederlande spielte nicht zeitgleich, sondern vor uns gegen die Tschechen, was heute unmöglich wäre. Wir hatten einen Fernseher in der Kabine, haben uns dann auch noch warm gelaufen. Doch da die Partie 1:1 endete, waren wir schon im Endspiel. Stielike, Schuster und ich haben uns dann auf die Tribüne gesetzt, um keine Sperre zu riskieren. Wir haben dann 0:0 gegen die Griechen gespielt.

Welche besonderen Erinnerungen haben Sie noch an das Turnier in Italien?

Dietz: Vor allem die nette Story mit Horst Hrubesch. Wir waren vor dem Spiel gegen die Griechen noch bei einer Audienz beim Papst. Als der in unsere Richtung ein Kreuzzeichen machte, sagte ein Bekannter zu Hrubesch, dass das ein Signal wäre, dass er gegen die Griechen zwei Tore machen würde. Die Partie endete torlos. Hrubesch erinnerte sich dann nach dem Finale gegen die Belgier an die Geschichte mit dem Papst und sagte, der hatte doch Recht. Er hat ja nicht gesagt, in welchem Spiel ich die Tore mache.

Und dann kam der Moment, als Sie am 22. Juni in Rom nach dem 2:1-Finalerfolg über Belgien den Pokal in den Abendhimmel stemmen durften.

Dietz: Ja, unbeschreiblich. Ich als Duisburger auch noch Kapitän der deutschen Nationalmannschaft. Ganz Duisburg schaut zu. Wir waren ja in der Bundesliga immer eine graue Maus. Da gehst du die Tribüne hoch. Wer mir damals den Pokal überreicht hat, kann ich heute nicht mehr sagen. Ich hatte damals nur noch den Blick auf die Trophäe. Da standen ja auch viele Offizielle, die dir vorher die Hand schütteln wollten. Besonders peinlich war für mich, dass mir die damalige belgische Königin Fabiola die Hand gereicht hat. Ich habe aber nur noch den Pokal gesehen, bin an ihr vorbeigegangen. Als ich das anschließend im Fernsehen gesehen habe, war mir das hochgradig peinlich.

Was lief dann anschließend bei den Feierlichkeiten ab?

Dietz: Uli Stielike und ich hatten das Pech, dass wir zur Dopingkontrolle mussten. Wir waren so ausgelaugt, dass da erst einmal nichts mehr ging. Das hat über zwei Stunden gedauert. Auch Horst Hrubesch hat den Mannschaftsbus verpasst, weil er zur Pressekonferenz musste. Wir sind dann mit dem Taxi nachgefahren. Als wir im Hotel ankamen, hatten die meisten schon ausgefeiert. Der Fußball hatte damals noch nicht den Stellenwert wie heute. Am Flughafen sind wir dann am nächsten Tag von ein paar Hundert Fans empfangen worden, anschließend alle nach Hause gefahren.

Was hat die Mannschaft von 1980 ausgezeichnet?

Dietz:
Die Mannschaft war eine gute Mischung aus erfahrenen und jungen Spielern. Wir waren wirklich eine Einheit, und wir hatten ein klares Ziel: Wir fahren nach Italien, um Europameister zu werden. Mit Matthäus und Schuster kamen zwei junge Leute dazu, die heiß waren. Ich war richtig stolz, als Nachfolger von Sepp Maier dann Kapitän zu werden. Ich habe den Kreis in der Kabine eingeführt, mit dem wir uns vor jedem Spiel auf die Aufgabe eingeschworen haben. Beim Rausgehen hat mir Jupp Derwall dann immer persönlich die Spielführerbinde angelegt. Das war ein kleines Ritual. Damals haben wir uns wirklich auf jedes Länderspiel richtig gefreut. Das hat mir auch die Kraft gegeben, um dann beim MSV Duisburg einiges zu bewegen. Ich habe immer mit den Besten gespielt. Das hat mich voran gebracht.

Haben Sie heute noch guten Kontakt untereinander, kümmert sich der DFB auch noch um seine ehemaligen Nationalspieler?

Dietz: Vor gut fünf Jahren wurde der Klub der Nationalspieler gegründet. Einmal im Jahr werden bei einem Länderspiel alle Nationalspieler eingeladen. Da kommen über 120 Leute zusammen. Das ist schon toll. Da trifft man viele Jungs, die man erst gar nicht wiedererkennt. Andere verändern sich nie.

Gibt es in diesem Zusammenhang richtige Freundschaften, Spieler, zu denen Sie immer noch einen besonderen Draht haben?

Dietz: Das ist kaum möglich, weil doch alle über das ganze Land verstreut sind. Oder im Fußball immer noch engagiert sind. Horst Hrubesch trainiert die deutsche U21, Karl-Heinz Rummenigge ist der Boss des FC Bayern. Karlheinz Förster und Hansi Müller engagieren sich in Stuttgart, Toni Schumacher ist Vizepräsident in Köln. Ich gehöre zum Präsidium des MSV Duisburg, betreibe mit meinem Sohn Christian eine Fußballschule. Da bleibt nicht viel Zeit. Aus der Truppe haben viele auch nach der aktiven Laufbahn Karriere gemacht und einiges im Fußball bewegt.

1980 haben gerade einmal acht Mannschaften an der Euro in Rom teilgenommen. Jetzt starten 24 Mannschaften, von denen nach der Vorrunde lediglich acht ausscheiden. Finden sie diesen Modus gut?

Dietz: Auf der einen Seite stöhnen die Profis, dass es zu viele Spiele gibt. Jetzt werden bei einer Euro noch zusätzliche Spiele draufgelegt. Alles wird im Fernsehen live übertragen. Da wird doch darüber spekuliert, dass die Leute irgendwann die Lust am Fußball verlieren. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Die Einschaltquoten bei Live-Übertragung sind hoch, und die Stadien sind auch noch voll. Der Fußball hat eben einen enormen Stellenwert, boomt immer noch.

Wären Sie, wenn Sie wählen könnten, lieber in der heutigen Zeit ein Fußball-Profi?

Dietz:
Ich würde keine Sekunde, die ich damals als Profi erlebt habe, abgeben, um heute zu spielen. Für mich war der Fußball immer alles, der Zusammenhalt, die Kameradschaft. Man darf sich dabei selbst nicht so wichtig nehmen. Fußball ist ein Teamsport, bei dem man zusammenarbeiten muss, wenn man etwas erreichen will. Ich hatte eine wunderschöne Zeit, obwohl ich nicht das große Geld verdient habe. Als ich meinen ersten Vertrag in Duisburg unterschrieben habe, erhielt ich 1200 Mark im Monat. Natürlich brutto. Die Zeiten haben sich aber geändert. Heute werden Millionen verdient, doch es gibt den gläsernen Spieler, der ständig unter Beobachtung steht. Einen Tag vor dem Endspiel in Rom kamen damals die Journalisten noch zu mir auf das Zimmer. Das wäre heute undenkbar.

Der DFB hat ja bewusst für die Nationalelf den Begriff „Die Mannschaft“ gewählt. Glauben Sie, dass das wirkliche eine Mannschaft ist oder lediglich eine Interessengemeinschaft von Jungunternehmern?

Dietz: Wenn ich mir den Thomas Müller angucke, dann glaube ich, das ist noch einer von der alten Garde. Der macht Spaß der Junge. Er ist immer noch der Müller geblieben, der er schon unter Trainer Hermann Gerland in der Jugend war. Er ist auf dem Rasen zwar verbissen, besitzt aber außerhalb des Platzes immer noch die Lockerheit. Es gibt auch heute noch viele gute Jungs.

Machen heute die Berater der Spieler nicht viel kaputt?

Dietz: Auch da muss man unterscheiden. Gute Berater haben richtige Unternehmen, die auch Rechtsanwälte beschäftigen. Die jungen Spieler brauchen eine Vertrauensperson, wenn es darum geht, wichtige Verträge zu unterzeichnen. Es gibt aber auch Trittbrettfahrer, die irgendwann mal gegen den Ball getreten haben und schon die Jugendlichen und Eltern anrennen. Und die sehen nur das Geld, verdienen, wenn die Spieler den Verein wechseln.

Was trauen sie der deutschen Mannschaft bei der EM in Frankreich zu?

Dietz:
Alles, schließlich sind wir Weltmeister. Deutschland gehört immer zu den Favoriten. Zu beachten sind natürlich Frankreich als Gastgeber, vielleicht England und die Belgier als eine Art Geheimfavorit.

Deutschland wird immer als eine Turniermannschaft bezeichnet, wächst im Verlauf zusammen. Warum ist das so?

Dietz: Das liegt in unseren Genen. Wir werden auch in der ganzen Welt so angesehen. Die Deutschen sind immer akribische Arbeiter, die alles richtig machen wollen. Da beneidet man uns doch sogar drum.

Mit Joshua Kimmich, Julian Weigl und Leroy Sane stehen drei große Talente im deutschen Aufgebot. Was trauen Sie ihnen zu?

Dietz: Ich finde es richtig, dass Joachim Löw sie mitnimmt. Nur so können sie sich weiterentwickeln. Seit wir die Nachwuchsleistungszentren haben, können wir in Deutschland, was Talente angeht, aus dem Vollen schöpfen. Da rücken immer wieder Leute nach. Kimmich hat ja sogar schon Erfahrung in der Champions League gesammelt, Sanes Unbekümmertheit könnte uns in einigen Situationen sicher helfen. Auch Weigl hat sich in der Bundesligadurchgesetzt. Man muss diesen jungen Leuten aber auch zugestehen, mal Fehler machen zu dürfen.

Quelle: wa.de

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