Fünf Spiele, fünf Pleiten

Langsam wird es eng

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Christian Heidel war nach der Pleite in Hoffenheim angefressen, attestierte der Mannschaft "einen Hang zur Überheblichkeit".

Gelsenkirchen - Es war ein tiefer Blick in den innersten Kreis der Mannschaft, den Christian Heidel am Sonntag nach der fünften Niederlage im fünften Bundesliga-Spiel gewährte.

Dass kurz nach der 1:2-Pleite bei der TSG 1899 Hoffenheim einige Spieler in der Kabine die Dreistigkeit besessen hatten, etwas zu essen, brachte den neuen Schalke-Manager auf die Palme. Heidel selbst war der Appetit gründlich vergangen. 

Diese interne Information war ein weiterer Beleg dafür, dass die aktuelle Mannschaft des FC Schalke 04 eine Mentalitätsproblem hat – und zwar eines, das sich über viele Jahre entwickelt hat. Abgesehen von einigen Ausnahmen wie Kapitän Benedikt Höwedes oder Keeper Ralf Fährmann fehlt vielen Spielern ganz offenbar die nötige Seriosität, die für die erfolgreiche Ausübung dieses Berufes notwendig ist.

Das sind die teuersten Neuzugänge der Vereinsgeschichte

Schon seit Jahren ist immer wieder zu beobachten, wie Spieler, die nach Schalke wechseln, sich nicht verbessern, sondern bestenfalls in ihrer Entwicklung stocken. Paradebeispiele dafür sind Roman Neustädter, der vom ambitionierten Neu-Nationalspieler zum blassen Mitläufer mutierte. Oder Johannes Geis, der 2015 als neuer Schalker Dirigent im Mittelfeld von rund zehn Millionen Euro eingekauft wurde und aktuell glücklich sein darf, wenn er überhaupt zum Kader gehört. Die Anzahl der Gegenbeispiele ist äußerst überschaubar: Spieler wie Leon Goretzka zum Beispiel, der auf Schalke ein gute Entwicklung genommen hat. Der aber auch von einem unbändigen Ehrgeiz getrieben wird. 

Der Begriff der „Wohlfühl-Oase“ entstand vornehmlich in der Amtszeit von Heidels Vorgänger Horst Heldt, dessen Führungsstil eher „laissez faire“ war. So zog ein Großteil der Spieler als Wohnort das mondäne Düsseldorf der Arbeiterstadt Gelsenkirchen vor – wie Heldt übrigens auch. Auch ansonsten genossen die Schalker Spieler ein doch eher angenehmes Profileben. Mit den Nachwirkungen haben der neue Sportvorstand und sein Trainer Markus Weinzierl immer noch zu kämpfen. Ein Umstand, den sie wohl unterschätzt haben. 

Kader und Rückennummern des FC Schalke in der Saison 2016/2017

Schon vor gut drei Wochen konstatierte Heidel in der „Sport-Bild“: „Es gibt sicher Spieler in unseren Reihen, die sich stärker einschätzen, als sie sind. Das sind alles gute Jungs, aber wir müssen die Mentalität verändern. Die ist aber schwer trainierbar.“ Die Hoffnung, dass die Neuzugänge für frischen Wind im Kader sorgen, hat sich bislang nicht nachhaltig erfüllt. Am Wochenende stellte Heidel in der Mannschaft einen „Hang zur Überheblichkeit und fehlende Realität“ fest. Das deckt sich mit dem Verdacht, dass die Schalker Mannschaft wie kaum ein anderes Team im deutschen Profi-Fußball in eine wirklichkeitsferne Parallelwelt abgedriftet ist, in der die angenehmen Dinge des Lebens die allerwichtigste Rolle spielen. 

Im Verlauf dieser Woche will Heidel nun mit der Mannschaft reden und versuchen, einige Spieler aus ihrer Lethargie zu reißen. Um den Ernst der Lage zu verdeutlichen, will der 53-Jährige die aktuelle Tabelle „kopieren, vergrößern und in die Kabine hängen“. „Ich weiß, was Abstiegskampf bedeutet. Das scheint nicht bei allen der Fall zu sein“, sagt Heidel, der in dieser Beziehung während seiner Amtszeit in Mainz einschlägige Erfahrungen gemacht hat. Fest steht, dass das ambitionierte Projekt, ein neues Schalke zu bauen, sich bereits nach wenigen Wochen auf dem Prüfstand befindet. 

Dass die Fans der Knappen trotz der Pleitenserie bislang so still gehalten haben, lag an dem großen Glauben, dass es mit Heidel und Weinzierl endlich gelingt, das enorme Potenzial dieses Klubs wie einen lange versunkenen Schatz zu bergen. Dieser Glaube beginnt nun zu bröckeln, wie die Unmutsbekundungen in Hoffenheim („Wir wollen euch kämpfen sehen“) beweisen. Erster Leidtragender könnte Markus Weinzierl sein, der so langsam kaum noch einen Pfeil im Köcher zu haben scheint. Aber welcher Trainer hätte den noch in einer ähnlichen Situation? Benedikt Höwedes hofft jedenfalls, „dass er (Weinzierl) die Rückendeckung bekommt“. 

Tatsächlich wäre es ein deutliches Signal an die Mannschaft, wenn der 41-jährige Weinzierl auch im Falle weiterer Pleiten nicht zur Disposition stünde. Es ist das Schalker Team, das in die Verantwortung genommen werden muss. Und nicht der neue, ambitionierte Trainer.

Quelle: wa.de

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