Vor der Mitgliederversammlung

Clemens Tönnies auf Schalke auf der Kippe

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Gelsenkirchen - Die eigentliche Mitgliederversammlung des FC Schalke 04 beginnt offiziell am Sonntag um 13.04 Uhr. Doch die Mitglieder erhalten schon um 10 Uhr Einlass in die Schalker Arena, wo ab 11 Uhr ein laut Schalker Homepage „umfangreiches und attraktives Programm“ geboten wird. Und eigentlich läuft das Vorprogramm für diese Veranstaltung schon seit Wochen. Welches zwar unterhaltsam, aber alles andere als erbauend ist. Die einen haken es unter dem Tagesordnungspunkt „Wahlkampf“ ab. Andere wiederum präferieren den Begriff „Schlammschlacht“.

Hauptdarsteller ist mal wieder Clemens Tönnies, der am Sonntag mehr den je um seinen Posten als Aufsichtsratschef des Vereins bangen muss. Der Großmetzger aus Rheda steht dem Gremium seit 2001 vor – und gedenkt, dies auch mindestens noch für eine weitere Wahlperiode (drei Jahre) zu tun. 

Doch der Rückhalt für den Unternehmer, der sich gern in der Rolle des starken Mannes sieht, der in stürmischen Zeiten das Ruder herumreißt, hat in diesem Jahr einen neuen Tiefststand erreicht: Zwar wurde Tönnies gemeinsam mit Peter Lange vom Schalker Wahlausschuss als Kandidat zugelassen, doch bereits diese Vorwahl ging nicht ohne erhebliche Störgeräusche ab. So trat nach der entscheidenden Sitzung Wahlausschuss-Mitglied Stefan Barta aus Hamm zurück – ohne Angabe von Gründen.

Stefan Barta.

Zudem wurde in dieser Woche ein Brief von den drei Aufsichtsratsmitgliedern Axel Hefer, Thomas Wiese und Dr. Andreas Horn an Tönnies publik, in dem diese den 60-Jährigen auffordern, sich nicht weiter ins operative Geschäft einzuschalten. „Ich habe kein Problem mit Clemens Tönnies, weder als Kollegen noch als Aufsichtsratsvorsitzenden. Uns geht es vor allem darum, dass der Vorstand in Ruhe die Geschäfte führen kann und der Aufsichtsrat im Hintergrund arbeitet. Dies muss zukünftig unabhängig von den handelnden Personen sichergestellt werden", sagt Hefer im Gespräch mit unserer Zeitung.

Dies war in der Vergangenheit offenbar oftmals nicht der Fall. Nach Informationen unserer Redaktion traf Tönnies immer wieder sportliche Entscheidungen quasi im Alleingang, die vom Aufsichtsrat nur noch abgenickt werden konnten. Sehr zum Unwillen von Hefer, Horn und Wiese, die den Aufsichtsrat in erster Linie als ein Gremiun ansehen, in dem über Strategien und Budget diskutiert werden soll.

Der Brief der drei opponierenden Aufsichtsratsmitglieder, der bereits Ende April zugestellt worden war, löste nicht nur bei Tönnies selbst, sondern auch beim Schalker Vorstand – damals noch mit Manager Horst Heldt – Empörung aus und provozierte ein Gegenschreiben, in dem es laut „Bild“ hieß: „Erschrocken stellen wir als Vorstand fest, dass Sie uns in Ihren persönlichen Streit mit Clemens Tönnies hineinziehen wollen. Bitte nehmen Sie zur Kenntnis, dass wir überhaupt kein Problem mit der Amtsführung von Clemens Tönnies haben.“

Schalker Ehrenrat als "Tribunal"?

All das macht deutlich, dass sich tiefe Risse durch diesen Verein ziehen – und zwar auf allen Ebenen. Kritische und nachfragende Aufsichtsratsmitglieder wie Axel Hefer wurden immer wieder vor den Schalker Ehrenrat zitiert, den manche im Verein als eine Art „Tribunal“ ansehen. Dieses fünfköpfige Gremium, dem unter anderem der ehemalige Schalke-Pfarrer Hans-Joachim Dohm, Klublegende Klaus Fischer oder der ehemalige Präsidentschaftskandidat Volker Stuckmann angehören, gilt als Tönnies-freundlich – und musste im vergangenen August eine Niederlage einstecken. Als Hefer vom Ehrenrat wegen der angeblichen Weitergabe von Vereinsinterna für drei Monate suspendiert werden sollte, zog der 39-Jährige vor das Landgericht Essen. Dort wurde die Freistellung aufgehoben, da Hefer die Interna lediglich einem Rechtsanwalt zur Prüfung vorgelegt hatte – und dieser zur Verschwiegenheit verpflichtet sei. Eine schallende Ohrfeige für den Ehrenrat und für Tönnies selbst.

Neben Tönnies und Lange wurden auch Michael Stallmann und Andreas Goßmann als Kandidaten für die zwei neu zu vergebenen Aufsichtsratsposten zugelassen. Die beiden sehen die bisherige Aufsichtsratsarbeit eher kritisch und befürworten ebenfalls eine klarere Trennung zwischen operativer Tätigkeit und dem Aufsichtsrat. Sollte einer von ihnen am Sonntag den Sprung ins Gremium schaffen, könnte sich der Druck auf Tönnies im Gremium weiter erhöhen. Vielleicht würden sogar die Machtverhältnisse kippen. Erst recht, wenn zusätzlich auch noch der Satzungsänderungsantrag durchgewunken wird, wonach die fünf kooptierten und entsandten Aufsichtsratsmitglieder kein gleichberechtigtes Stimmrecht mehr erhalten. Dieser Antrag muss allerdings auf der Versammlung noch durch eine Zwei-Drittel-Mehrheit auf die Tagesordnung gehoben werden, da er im Vorfeld vom Aufsichtsrat selbst abgelehnt wurde.

Auf der Suche nach Sündenböcken

Horst Heldt

Tönnies selbst sieht sich in der Opferrolle. „Jedes Jahr wird vor der Jahreshauptversammlung jemand zum Sündenbock gemacht“, sagte er am Mittwoch dem Magazin „11Freunde“: „Letztes Jahr war es Horst Heldt, dieses Jahr war ich dran.“ Dass er als Aufsichtsratchef selbst so häufig in der Öffentlichkeit auftrete, dürfe man ihm nicht anlasten, sondern das habe auch daran gelegen, dass der bisherige sportliche Entscheider Horst Heldt nur ungern öffentliche Auftritte wahrgenommen habe. „Das Reden hat er oft mir überlassen“, sagt Tönnies: „So wurde ich – wohl oder übel – auch zu einem Gesicht von Schalke 04. Und manchmal auch zum Blitzableiter.“

Viel dürfte am Sonntag davon abhängen, welche Position der neue Manager Christian Heidel einnehmen wird. Dieser freut sich nach eigener Aussage sehr auf seine erste Schalker Mitgliederversammlung, sagt aber auch: „Was die Unruhe angeht, das bekomme ich auch mit. Und ich muss ehrlich sagen, das ist Neuland für mich.“ Am Sonntag dürfte Heidel in dieser Beziehung eine Crashkurs erhalten.

Quelle: wa.de

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