Handball, 3. Liga West

SGSH: Der Teamarzt als Glücksbringer

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Vorbereiter Niklas Polakovs und Vollstrecker Lutz Weßeling legen den Matchplan fest.

Ahlen - Eigentlich ist das Anforderungsprofil für den Mannschaftsarzt klar definiert. Die kleineren Verletzungen und die größeren – sie alle sollen bei ihm gut aufgehoben sein. Am besten sollte er eine Art Wunderheiler sein. Als Glücksbringer ist der Teamdoktor meistens allerdings nicht vorgesehen. Diese Rolle übernahm Carsten Lueg am Freitagabend beim Handball-Drittligisten aber trotzdem sehr gerne.

Lueg, der früher selbst lange Jahre Spielmacher und Leistungsträger der SGSH gewesen ist, hatte es nach Ahlen geschafft. Erstmals in dieser Saison war der Dortmunder als Zuschauer vor Ort dabei und mithin erstmals bei einem Spiel in der neuen Neff-Ära. Und erstmals in dieser Ära also sollte die SGSH beide Punkte einfahren beim 30:28 (13:12) gegen den Neuling Ahlener SG. „Geht doch“, sagt Lueg zufrieden und strahlte erst mit den Fans, dann mit dem Trainerteam. 

Der Auswärtscoup im westlichen Münsterland war ein verdienter für die SGSH. „Eigentlich war das Spiel deutlicher“, sagte Stefan Neff, der wie Lueg strahlte. Neff mag harte Arbeit, im Training und in der Spielvorbereitung. Er ist gewiss nicht der Hedonist unter den Trainer der 3. Liga. Aber er ist auch nicht derjenige, der einen Sieg nicht zu genießen wüsste. Erst recht dann nicht, wenn man so lange auf ihn warten musste. Bis zu eben jenem sechsten Spieltag an einem Freitagabend in der Friedrich-Ebert-Sporthalle zu Ahlen, in der Neff in der Oberliga schon zweimal mit dem TuS Volmetal gewonnen hatte. 

Da und doch nicht richtig da: Dimitry Stukalin.

Ein Sieg, obwohl Plessers, Diehl und Müller verletzt fehlten. Mehr Spieler von Format als bei den Gastgebern, doch einer der Unterschiede zwischen den Ahlenern und der SGSH ist wahrscheinlich, dass der Oberliga-Aufsteiger auf einige wenige Akteure sehr viel mehr angewiesen ist als die SGSH auf Teile ihres breiter aufgestellten Kaders. „Natürlich fehlt uns ein Stukalin“, sagte Sascha Bertow nach dem Spiel. Der kompakte Rückraum-Linke fehlte zwar eigentlich gar nicht wirklich, hatte sich ja noch in den Dienst der Mannschaft gestellt, obwohl er fünf Tage lang mit einer Grippe im Bett gelegen hatte. „Dimitry hat heute aber keine Kraft gehabt“, sagte Bertow. Stukalin war da, aber es war eben nicht der Stukalin, der der ASG hätte helfen können. Sein Ausfall war nicht zu kompensieren für die Hausherren. „Wir haben phasenweise spielerisch überzeugt“, sagte Bertow, „aber in anderen, längeren Phasen eben auch nicht.“ 

Das waren die Phasen, in denen die SGSH-Defensive fast ein Bollwerk war. Vor allem nach dem Wechsel, als der Gast permanent mit Ruskov neben Luciano und Dmytruszynski decken konnte, weil der kurze Wechselweg es hergab. ASG-Spielmacher Mattes Rogowski, der neben relativ stumpfen Halb-Waffen (Bekston, Lemke) der Aktivposten seines Teams war, hat zwar durchaus das Talent, sich die richtige Position für die richtige Aktion auszusuchen, doch selbst Rogowski tat sich in der zweiten Hälfte schwer bei dieser Suche. Zweimal noch düpierte er Lutz Weßeling aus dem rechten Rückraum, wich am Ende gar auf die linke Außenbahn aus. Auch ihm hatte die SGSH-Defensive den Zahn gezogen. 

Jubelschrei nach einem gehaltenen Siebenmeter: Dominik Formella.

Eine Defensive, hinter der Dominik Formella diesmal keinen Anlass gab, Nicholas Plessers vermissen zu müssen. Im Gegenteil: Es war Formellas bestes Spiel in dieser Saison. Er parierte zuverlässig Bälle aus dem Rückraum, er hielt Siebenmeter und freie Bälle von Außen. „Es ist gut, wenn man diesen Rückhalt hat“, sagte Neff, der in der Analyse nicht die Dinge aussparte, die ihm nicht gefallen hatten. „In der ersten Halbzeit waren wir längst nicht so dynamisch wie in Ratingen“, sagte er, „und wir führen zwar 3:0, machen aber viel zu wenig aus dieser guten Startphase.“ 

Am Ende war das nicht mehr wichtig, weil die SGSH die erste Halbzeit 13:12 gewonnen und diesmal noch eine bessere zweite in der Hinterhand hatte. Eine Halbzeit, in der nicht nur die Defensive funktionierte. Vorne glänzte nun Weßeling als Vollstrecker, Niklas Polakovs erhielt eine Trainer-Sonderlob als Vorbereiter. Und als es auf dem Feld vogelwild wurde, war Natko Merhar in seinem Element, nahm die Dinge in die Hand und machte das richtig gut. So war es kein Zitterspiel, obwohl das 30:28 derlei vermuten lassen könnte. Es war ein Sieg des an diesem Abend breiter aufgestellten und besser funktionierenden Kollektivs. 

Ein Sieg, auf dem sich die SGSH nicht ausruhen wird. Dormagen (4.), Hagen (2.) und Neuss (1.) warten als Herausforderungen. Höhere Hürden hält das Jahr nicht mehr bereit. In diese Spiele geht die SGSH als Tabellenachter. „5:7-Punkte nach diesem Startprogramm sind absolut in Ordnung, Man darf nicht vergessen, dass wir schon viermal in sechs Spielen auswärts gespielt haben. Und auch nicht, wer die Gegner gewesen sind“, sagt Neff, „ja, wir haben nur einmal gewonnen bis jetzt – aber wir haben auch erst zweimal verloren.“ 

Das klang wieder ein bisschen selbstbewusster als vor Wochenfrist. Siege schenken dieses Selbstvertrauen. Die SGSH kann es am Samstag in Halver gegen Dormagen gut brauchen. Und auch ein Glücksbringer wäre nicht schlecht angesichts der Schwere der Aufgabe. Carsten Lueg wird diese Rolle indes nicht wieder übernehmen können. Er ist in den nächsten zehn Tagen erst einmal mit der Frauen-Fußball-Nationalmannschaft unterweg – als Teamarzt, nicht als Glücksbringer...

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