Neue Handballregeln

"Das Auto in Fluchtrichtung parken..."

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Auch das Thema "Blaue Karte" streifte Roland Janson in seinem Vortrag.

Olpe - Die Reihen im Olper Kolpinghaus waren gut gefüllt. Vereinsvertreter saßen dort, auch Schiedsrichter. Und vorne stand Roland Janson, der Männerspielwart des Handballkreises Lenne-Sieg und Schiedsrichterlehrwart des HV Westfalen. Gekommen, um die neuen Regeln zu erklären, den Zuhörern „einen Wissensvorsprung zu verschaffen“.

Roland Janson ist einer, der mit seiner Meinung nicht gerne hinterm Berg hält. Gleich zu Beginn des Abends zitierte der Altenaer den im Juli verstorbenen DHB-Schiedsrichterwart Peter Rauchfuß. Mit den neuen Regeln, so Rauchfuß, habe die IHF den Handballern ein Osterei ins Nest gelegt. Positiv war dies nicht gemeint. „Sie sind mit heißer Nadel gestrickt“, urteilte Janson, und später, bei kritischen Nachfragen, sagte er: „Ich habe die Regeln nicht gemacht, ich leite hier nur die Verkaufsveranstaltung…“

Die leitete Janson freilich gut, hatte zahlreiche anschauliche Videobeispiele mitgebracht. Mit einer gewissen Genugtuung führte der HV-Lehrwart vor, dass selbst bei den Olympischen Spielen die Referees in Sachen neue Regeln noch ganz und gar nicht sicher waren, zum Teil sogar vom Technischen Delegierten direkt auf dem Parkett belehrt worden waren und ihre Entscheidungen korrigieren mussten. „Aber wir haben hier in den Hallen keinen Technischen Delegierten“, sagte Janson. 

Die neu gefasste Endspurtphase der Partie ist eigentlich eine gute Sache. Bisher war es so, dass in der letzten Minute Spieler, die mit einem taktischen Foul oder einer entsprechenden Unsportlichkeit vielleicht den entscheidenden kleinen Vorteil für einen Punktgewinn oder einen Sieg für ihr Team herausholten, mit einer Disqualifikation mit Bericht bestraft wurden. Diese Spieler erhielten eine Sperre, die Mannschaft aber, die gerade einen Punkt verloren hatte, hatte herzlich wenig davon. Das ändert sich nun: Bei der Disqualifikation bleibt es, eine Sperre aber zieht sie nicht nach sich, dafür zwingend einen Siebenmeter fürs benachteiligte Team. Allerdings gilt dies nur für die letzten 30 Sekunden. 

Was gut klingt, hat für die Schiedsrichter seine Schwierigkeit im Detail. Wenn ein Spieler zwei Sekunden vor dem Ende den Ball wegrollt, dafür die Rote Karte sieht und einen Siebenmeter verursacht, wenn ein Spieler fünf Sekunden vor dem Ende mit einem taktischen Foul das Ausführen eines Freiwurfes und damit den vielleicht entscheidenden Gegenstoß-Pass verhindert und dafür Rot sieht und einen Siebenmeter verursacht, dann ist das regelkonform, aber die Zuschauer werden es erst einmal kaum verstehen. Erst recht wird es kompliziert, wenn so ein taktisches Foul geschieht, der Gefoulte aber noch den einen Pass spielt, der zum Tor führt. Dann zählt das Tor, die Disqualifikation gibt es trotzdem. So weit, so gut. Verwirft aber der angespielte Mitspieler, dann – es klingt grotesk – wird die Situation zurückgepfiffen: Es gibt Siebenmeter und Rote Karte. Genauso sieht es aus, wenn der vom Gefoulten angespielte noch einen weiteren Pass auf einen freien dritten Spieler spielt – auch dann ist die Situation zu unterbrechen und auf Siebenmeter zu entscheiden. Für Janson ergibt sich daraus ein klarer Auftrag für den Unparteiischen: „Er sollte sein Auto auf jeden Fall mit laufendem Motor und in Fluchtrichtung parken…“ 

Auch beim Passiven Spiel, das im Volksmund Zeitspiel heißt, hat die IHF nicht den großen Wurf geschafft. Fernab des Umstandes, dass es weiter im Ermessen der Referees liegt, wann sie den Arm heben, hat die Regel-Modifizierung, die bei gehobenem Arm nur noch höchstens sechs Pässe erlaubt, ihre Tücken. „Was ist ein zählbarer Pass?“, fragte Janson. Die Definition: Ein Pass ist, wenn der Ball aus der Hand eines Spielers in die Hand eines Mitspielers gelangt. Anhand von Videobeispielen zeigte Janson auf, wie schwer es mitunter ist, sechs Pässe klar auszuzählen. „Das Gute an der Regel ist aber, dass es weiter eine Tatsachen-Entscheidung des Schiedsrichters bleibt“, sagte Janson, „selbst wenn eine Mannschaft per Video beweist, dass es sieben Pässe gewesen sind, ist es kein Einspruchgrund.“ 

Die Themen des siebten Feldspielers und der Blauen Karte streifte Janson eher kurz. Sie sind weniger problematisch für alle Beteiligten. Wobei beim siebten Feldspieler auf die Feinheiten zu achten ist für die Referees. Ist das Tor der Mannschaft mit sieben Feldspielern noch verwaist, so hat ein Foul, das einen Wurf aufs leere Tor verhindert, zwingend mit einem Siebenmeter und einer progressiven Bestrafung geahndet zu werden. Auch derlei wird in den Sporthallen bei den Zuschauern für Unverständnis und Unmut sorgen. Klar ist, dass all diese Neuerungen das Spiel nicht eben einfacher verständlich machen. Bei aller Kritik nahm Janson seinen Zuhörern aber auch ein wenig die Sorgen. „Keine Panik“, sagte er am Ende, „wir werden auch das hinbekommen…“

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