Handball, 3. Liga West

SGSH: Das Bohren dicker Bretter

+
Zusammen auf dem Parkett zum Jubeln, ansonsten eher abwechselnd aktiv: Maciej Dmytruszynski rackerte zu Beginn in der Defensive und machte danach beim Spezialistenwechsel Platz für Alexandre Brüning, der nur vorne mitspielen durfte.

Schalksmühle - Die Sekunden direkt nach Spielende in der Sporthalle in Köln-Chorweiler hatten feiernde SGSH-Handballer gezeigt, und einen sehr emotional jubelnden Coach. 26:26-Startremis in letzter Sekunde. Das freute auch Stefan Neff, für den alles seine Zeit hat.

Die Zeit zehn Minuten nach dem Jubel war auch emotional, sie war vor allem aber auch eine laute, und mit Feier- oder Jubel-Charakteristika hatte sie nichts zu tun. In den Katakomben der Halle drang aus geschlossener SGSH-Kabine nicht jedes Wort nach draußen. Eine ziemlich deutliche Ansage aber – das war herauszuhören – war es dann doch. Und darüber, dass Neff nach dem Start allenfalls der Kampf und das Ergebnis zufriedenstellte, daran ließ der Hagener auch einen Tag nach dem so glücklichen Punkt keinen Zweifel. 

„Die Mannschaft hat direkt einen Charaktertest bestanden“, konstatierte Neff gleichwohl, „wir haben uns dieses finale Glück erarbeitet. Das ist ein Teil unserer Arbeit. Aber das Unentschieden war das Optimale an diesem Tag. Und wir müssen uns die Frage stellen, weshalb wir für einen Sieg nicht in Frage gekommen sind.“ Dass die SGSH in der Defensive nicht so funktioniert hatte, wie es sich Neff erhofft hatte, war ein Teil der Antwort auf diese Frage. „In der gesamten Vorbereitung hat der LSC durch Tempospiel überzeugt. Es hat mir gefallen, wie gut wir das im Griff hatten“, sagte der Coach, „umso enttäuschender war es aber, wie wenig aggressiv wir in der 6:0-Abwehr aufgetreten sind. Wir hätten unseren Gegner da vielmehr unter Druck setzen können.“ 

Es ist die Art, wie Stefan Neff den Erfolg im Handballsport definiert. Über die Abwehr, Ballgewinne, das Den-Schneid-Abkaufen. Und dann dies: Gruppentaktische Probleme und fehlende Kommunikation hatte er da ausgemacht, wo er sich doch eigentlich so schön das Prunkstück des SGSH-Spiels vorstellen könnte. Dafür hatte er sogar zu Beginn für zwei Spezialisten-Wechsel (Ruskov/Mayer, Dmytruszynski/Brüning) ein bisschen Tempospielpotenzial geopfert. Hinten Beton anzurühren – es gelang trotzdem nicht. 

Rote Karte gegen Natko Merhar: Eine sich aufschaukelnde Stimmung hatte die Saat für das dumme Foulspiel gelegt.

Aus der alten Saison hat sich in diesem Kontext eine Aufgabenstellung in die neue Saison übergerettet. Wie seine Vorgänger hat Neff immer wieder das Pro und Contra zwischen defensiven und offensiven Talenten abzuwägen. Lutz Weßeling machte offensiv ein gutes Spiel, defensiv ließ sich dies nicht unbedingt sagen. Im rechten Rückraum tauchte nach Julian Mayer und Todor Ruskov (beide ohne Tor) irgendwann Rechtshänder Florian Diehl auf. Mayer mochte Neff dabei für seine Offensiv-Leistung in der ersten Hälfte nicht einmal im Ansatz einen Vorwurf machen („Das war alles okay.“), aber in der zweiten Hälfte schied aufgrund des langen Wechselweges der Spezialistenwechsel mit ihm aus – und Abwehr auf der Halbposition gegen den körperlich starken Dahlke wollte Neff seinem Linkshänder dann doch nicht zutrauen. 

So war das Longerich-Gastspiel auch Teil eines Lernprozesses. Todor Ruskov tauchte später am ungewohnten Kreis auf, weil er defensiv gebraucht wurde, um den Innenblock zu stabilisieren, im Rückraum aber wollte Neff ihn nicht noch einmal bringen. „Es öffnen sich immer neue Tore“, stellte Neff fest und will mit dem Team daran arbeiten. Das Longerich-Video ist das erste echte Wettkampfvideo und mithin besonders wertvoll. 

Es gibt vielleicht auch einen Hinweis darauf, dass die geforderten Emotionen, die das Team zeigte, noch eine Spur besser kanalisiert werden könnten. Wertlos sind sie da, wo sie sich gegen Unparteiische richten wie am Ende der ersten Hälfte. Das kollektive Aufschaukeln der Stimmung legte die Saat für Natko Merhars dummes Rotfoul gegen Hartmann. Auch die Zeitstrafe gegen Luciano nach dem Wechsel war ärgerlich – Luciano hatte gestenreich moniert, LSC-Torschütze Richter habe beim Zurücklaufen den SGSH-Anwurf gestört. So wird es vor dem Leichlingen-Heimspiel am Samstag in Halver eine arbeitsreiche Woche werden. Die SGSH steht ja erst am Anfang eines Prozesses. Am Samstag in Köln reichten Neff zwei taktische Änderungen, um den Spiel eine andere Richtung zu geben. In anderen Bereichen wird es mehr Zeit benötigen. Mitunter sind da sehr, sehr dicke Bretter zu bohren.

Mehr zum Thema

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare