Urs Meier im Interview: "Fußball ein Spiegelbild der Gesellschaft"

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Der Schweizer Urs Meier beendete 2004 seine Laufbahn als Schiedsrichter und machte seitdem Karriere als TV-Experte und Vortragsredner. In dieser Woche war er in Neuenrade zu Gast.

Neuenrade - Der frühere Fifa-Schiedsrichter Urs Meier machte in Deutschland vor allem durch seine Gelbe Karte gegen Michael Ballack im WM-Halbfinale 2002 Schlagzeilen, durch die Ballack im Endspiel gesperrt. Meier war in dieser Woche als Vortragsredner zu Gast in Neuenrade.

Im Gespräch mit Sportredakteur Christian Müller nahm der frühere Weltklasse-Referee, der unter anderem das Champions-League-Finale 2002 zwischen Real Madrid und Bayer Leverkusen leitete, Stellung zum Zustand des Schiedsrichterwesens und zu den kritischen Punkten seiner Laufbahn. In Neuenrade hielt er einen Vortrag zum Thema "Zwischen den Fronten - Entscheidungen treffen unter Druck". Unter anderem mit diesem Aspekt beschäftigt sich der 57-Jährige auch in seinen 2008 und 2016 erschienen Büchern.

Urs Meier, was macht Ihrer Meinung nach einen guten Schiedsrichter aus?

Urs Meier: Ganz grundsätzlich dass er ehrlich ist, neutral ist, dass er den Fußball liebt, ihn lesen kann, dass er das Spiel versteht, mit Menschen umgehen kann, Durchsetzungsvermögen besitzt. Außerdem braucht er eine gute Kondition und muss mit Fehlern umgehen können.

Sie sind mittlerweile ein beliebter Vortragsredner, haben auch in Neuenrade zum Thema „Entscheidungen treffen unter Druck“ gesprochen. Wie lernt man, sich unter Druck zu entscheiden?

Meier: Indem man überhaupt Entscheidungen trifft. Ich habe auch in meinem ersten Buch etwas darüber geschrieben: Entscheiden ist oft wie Laufen lernen. Es gibt Menschen, die schieben Entscheidungen immer wieder weg. Die haben oft Probleme, auch gesundheitliche. Dadurch staut sich alles irgendwo auf – und das Ganze explodiert. Aber dann müssen sie ja trotzdem Entscheidungen treffen, oder sie werden für sie getroffen. Am besten wäre, sie würden Schiedsrichter werden. Dann müssten sie Entscheidungen treffen. Dann lernen sie es. Das beginnt im Kleinen, zum Beispiel beim Essen: Was für ein Menü nehme ich? Wenn ich Lust auf eine Bratwurst habe, dann nehme ich eben die Bratwurst. Da muss ich mich nicht dadurch verunsichern lassen, dass alle anderen eine Pizza wollen.

Wenn man in Deutschland mit Ihnen spricht, kommt man nicht an der Gelben Karte vorbei, die Sie Michael Ballack im WM-Halbfinale 2002 gezeigt haben. Ballack war dadurch für das Endspiel gesperrt. Wie oft sind Sie dafür hierzulande angefeindet worden? Oder werden Sie damit inzwischen eher augenzwinkernd konfrontiert?

Meier: Mittlerweile eigentlich schon. Aber ich treffe immer noch hin und wieder auf Menschen, die das wirklich ernst nehmen. Aber das ist im Fußball eben so: So eine Entscheidung ist oft ein Leben lang eingebrannt. Aber ich will die Leute auch nicht bekehren.

2004 erkannten Sie beim EM-Viertelfinale zwischen England und Portugal in der 89. Minuten ein Tor von Sol Campbell nicht an, weil zuvor ein Foul von John Terry am portugiesischen Torhüter Ricardo vorlag. England schied später im Elfmeterschießen aus. Wegen Anfeindungen von englischer Seite standen Sie danach zeitweise unter Polizeischutz. Kam Ihnen da der Gedanke an einen Rücktritt?

Meier: Nein, das hat meine Tätigkeit an sich nicht in Frage gestellt. Das hat eher das Verhalten der Uefa getan. Unabhängig davon, ob die Entscheidung richtig oder falsch war: Die Uefa hat es als mein Arbeitgeber nicht geschafft, mich zu schützen. Ich war drei oder vier Tage lang auf der Titelseite der „Sun“, wurde daheim von zivilen Polizeibeamten aus dem Flugzeug geholt, durch die Tiefgarage geleitet, bin zehn Tage untergetaucht. Aber bei dem Verhalten der Uefa denkst du: So sollte es eigentlich nicht sein. Dabei wäre es so einfach gewesen: Die Szene ins Internet stellen – klares Foulspiel. Wo ist das Problem? Gibt es in England andere Regeln?

Was kann ein Referee in den unteren Klassen tun, damit Jugendspieler oder deren Eltern nicht ausrasten, ein einzelner Kicker nicht aggressiv wird und die Partie letztlich geordnet über die Bühne geht?

Meier: Das ist schwierig. Ein Fußballspiel ist eben immer ein Spiegelbild der Gesellschaft. Und die Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft ist eine größere geworden. Du kannst nicht alles immer verhindern. Aber man müsste grundsätzlich versuchen, die Vereine mehr in die Verantwortung zu nehmen. Bei solchen Geschehnissen steht oft niemand für etwas gerade. Aber was ich über die Uefa gesagt habe, gilt auch im Kleinen: Wenn du merkst, jetzt eskaliert es, dann ist niemand da, der sagt: Hey, Schluss! Und da erwarte ich von den Vereinsvertretern und Trainern, dass sie ihre Führungsrolle wahrnehmen und so auch den Schiedsrichter schützen.

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