"Handball ohne Harz eine andere Sportart"

Klebriges Auslaufmodell? – Geht es nach dem Willen des weltweit obersten Handball-Funktionärs, IHF-Präsident Hassan Moustafa, darf schon in einem Jahr kein Harz mehr benutzt werden.

Kreisgebiet - Die Diskussion um die jüngsten Regeländerungen im Handballsport hat noch gar nicht richtig begonnen, da bringt eine Ankündigung von IHF-Präsident Hassan Moustafa die Szene erneut in Wallung. Im Interview mit den „Stuttgarter Nachrichten“ kündigt der Ägypter das komplette Verbot von Haftmitteln – umgangssprachlich „Harz“ genannt – an.

 „Ich denke, in einem Jahr sind wir soweit, Harz komplett verbieten zu können“, so der 72-Jährige. Diese Regelung soll ausnahmslos in allen Klassen gelten, von der Jugend über die Kreisliga bis zur Championsleague. Als „Quasi-Ersatz“ soll ein von der japanischen Firma Molten entwickelter Ball herhalten, der angeblich vergleichbare Gripeigenschaften aufweist.

 Unsere Redaktion hat bei heimischen Trainern und Funktionären nachgefragt, was die Basis von der sich anbahnenden „Revolution“ hält.

Timo Blumberg (Sportlicher Leiter der SGSH Juniors und langjähriger Spieler der SG Schalksmühle-Halver II): „Die Schulen, Hausmeister und Kommunen werden sich freuen, die Verschmutzungen durch Haftmittel sind schließlich ein großes Problem, das erhebliche Kosten verursacht. Das Handballspiel selbst würde durch solch ein Verbot in meinen Augen massiv leiden. Ich kenne viele Spieler, die können ohne Harz gar nicht mehr. Man muss sich doch nur mal die Landesliga-Spiele in Arnsberg oder Warstein anschauen, wo nicht geharzt werden darf. Da sieht man, was passiert, wenn kein Harz benutzt werden darf. Für die Jugend sehe ich kein großes Problem. Dort beträfe eine Umstellung nur die A-Jugend, hier und da vielleicht die B-Jugend.“

Christian Köster (Trainer der TS Evingsen):  „Als Handballer würde ich ein Harz-Verbot nicht befürworten. Aber aus Sicht der TSE ist es okay, weil wir in Altena ohnehin nicht harzen dürfen. Dann würde bei uns in der Liga Chancengleichheit herrschen. Harz steigert die Qualität des Spiels. Ohne werden viele Sachen, wie beispielsweise ein Dreher, schwierig. Das Mittel hat den Sport mit geprägt, es gehört dazu wie das Abseits zum Fußball. Wir haben jetzt schon zwei Handbälle dieser neuen Art bestellt. Man müsste mal mit der Stadt sprechen, ob wir sie auch verwenden dürfen, sie vorstellen. Wenn die Bälle wirklich keine Rückstände in der Halle lassen, dann kann man damit sicherlich spielen. Wenn sich das durchsetzt und adäquater Ersatz ist, dann wird Harz wirklich überflüssig.“

Klaus Krass (Vorsitzender Handball-Kreis Lenne-Sieg und Trainer der HSG Lennestadt-Würdinghausen):  „Die Problematik um das Harz ist gewaltig, darf nicht unterschätzt werden. Aus meiner Sicht käme ein Harzverbot für viele Spieler einer Katastrophe gleich. Handball ohne Harz ist beinahe eine ganz andere Sportart als mit Haftmittel. Das Spiel würde an Tempo, Raffinesse und Toren einbüßen, es ginge ein Teil der Attraktivität verloren. Wenn aber schon, dann ist der Ansatz sicher richtig, dass Harz in allen Spielklassen verboten wird, denn ansonsten würden Zuschauer tolle Dreher, Tore und Passtempo im Fernsehen beim Spitzenhandball bewundern, sich dann aber in den unteren Spielklassen beim Besuch der Spiele fragen, warum die heimischen Akteure diese Fähigkeiten fast völlig vermissen lassen. So gewaltig sind die Unterschiede. Ich kenne viele Spieler, die ihr ganzes Handballleben lang geharzt haben und die bei einem Harzverbot sofort aufhören würden. Aber natürlich gibt es auf der anderen Seite auch die Aspekte der Kommunen und Städte zu berücksichtigen, in denen die Schulsportstätten schon unter der Harznutzung leiden und Reinigungskosten enorm erhöhen. Gespannt bin ich auf die Eigenschaften des neuen Balles, ich habe schon vergeblich versucht an ein Exemplar zu kommen, will das Spielgerät aber so schnell wie möglich testen, denn die Skepsis ist doch ziemlich groß.“

Friedhelm Ziel (Trainer der HSV Plettenberg/Werdohl):  „Zurzeit gehört das Haftmittel zu unserem Sport, weil sonst keine Ballkontrolle möglich ist. Gewisse technische Kabinettstücken klappen eben nur, wenn man den Ball unter Kontrolle hat. Nicht jeder Spieler ist zwei Meter groß und hat große Hände. Ohne Harz ist kein attraktives Spiel möglich. Auf der anderen Seite sehe ich auch die Verschmutzung der Hallen. Wenn man tatsächlich darauf verzichten könnte, wäre das für alle Beteiligten eine gute Sache. Wenn man vom Wettkampf schweißnasse Hände hat, klappt es mit der Ballkontrolle ohne Harz nicht mehr so gut. Dass das Mittel gesundheitsgefährdend wäre, ist mir bisher nicht bekannt geworden. Darüber kenne ich keine Studien. Insgesamt sehe ich positive und negative Aspekte mit und ohne Harz.“

Volker Schnippering (Trainer der HSG Lüdenscheid): „Der Vorstoß überrascht mich sehr, denn gerade der seit Jahren praktizierte attraktive Spitzenhandball ist ohne Harz überhaupt nicht möglich. Und ich glaube auch nicht, dass der neue Ball die Nachteile auffangen kann. Den gesundheitlichen Aspekt, den Moustafa anführt, halte ich für Unsinn, denn es wird nicht mehr mit Baumharz gearbeitet, sondern mit wasserlöslichem Haftmittel auf Zuckerbasis. Auch bei der Reinigung durch die Vereine – wie bei uns praktiziert – entstehen zudem bei den Kommunen keine höheren finanziellen Belastungen durch Verdrecken. Aber es machen ja auch nicht alle Regeländerungen Sinn. Ich halte auch gerade in den unteren Spielklassen die Modifizierung um den siebten Feldspieler für schlecht. Denn Zeit, taktische Gegenmittel zu erarbeiten, haben die Amateure kaum."

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