Chance für Kimmich

Wegen Tah: Löw wird zum Abwehr-Akrobat

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Jonathan Tah (r.) musste seinen Miami-Urlaub absagen.

Evian - Den ersten Schock hatte Jogi Löw Mittwoch Mittag zwar verdaut, doch richtig glücklich war der Bundestrainer nicht – das war ihm anzusehen. Der Kreuzbandriss und das bittere EM-Aus von Antonio Rüdiger haben die Planungen des Bundestrainers ordentlich durcheinandergewirbelt.

Dessen Platz im Kader hat Löw bereits mit der Nominierung des Leverkuseners Jonathan Tah aufgefüllt, doch für die Startelf zum Auftakt gegen die Ukraine (Sonntag, 21 Uhr) werden die Karten in der Defensive komplett neu gemischt. Jogis Abwehr-Akrobatik!

Mats Hummels laboriert noch an den Folgen seines Muskelfaserrisses (Wade), Rüdiger fällt für das komplette Turnier aus – jetzt muss Löw eine neue Viererkette finden. „Wir werden nicht jammern, sondern das Beste aus der Situation machen. Wir haben trotzdem eine gute Mannschaft. Ich vertraue den Spielern absolut“, zeigte sich Löw trotz der neuen Hiobsbotschaft zuversichtlich. Mittwoch Morgen bestätigte sich die Diagnose, die Teamarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt bereits am Vorabend geahnt hatte. Rüdiger zog sich bei seinem Trainingsunfall einen Riss im vorderen Kreuzband des rechten Knies zu, der 23-Jährige fällt monatelang aus.

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„Das tut mir sehr leid für Toni, denn er war in einer sehr guten Form. Seine Dynamik, seine Zweikampfstärke und sein großer Wille waren absolut überzeugend“, meinte Löw, der den 20-jährigen Tah noch am späten Dienstagabend über seinen Co-Trainer Marcus Sorg von dessen Nachnominierung in Kenntnis setzte. Der Leverkusener Innenverteidiger zählte schon vor der Ernennung des vorläufigen Kaders zum engeren Kreis. „Die Basis stimmt bei ihm. Ich bin überzeugt, dass wir ihn in den nächsten Tagen im Mannschaftstraining in Form bringen“, sagte Löw und ließ damit durchblicken, dass der Nachrücker für die Auftakt-Partie gegen die Ukraine noch keine Alternative ist.

Doch welche Optionen bleiben dem 56-Jährigen noch? „Es gibt zwei Möglichkeiten: Die eine ist Shkodran Mustafi, die andere Benedikt Höwedes. Ich habe Vertrauen in beide“, betonte Löw. Mustafi ließ er allerdings in Testspielen gegen die Slowakei und Ungarn keine Sekunde spielen – er hatte sich frühzeitig auf Rüdiger als Nebenmann von Jerome Boateng festgelegt. Und Höwedes hatte Löw eigentlich als Rechtsverteidiger eingeplant und damit gehofft, die größte Baustelle im Team schließen zu können. Schiebt der Bundestrainer den Schalker ins Zentrum, könnte FCB-Youngster Joshua Kimmich gleich im ersten Spiel zu seinem EM-Debüt kommen. Den 21-Jährigen testete Löw in Ascona und gegen die Slowakei als rechten Verteidiger – doch bei der gestrigen Trainingseinheit fehlte Kimmich wegen einer Erkältung. Für das Ukraine-Spiel wird es bei ihm ein Wettlauf mit der Zeit. Welche Viererkette Löw am Sonntag auf den Rasen schickt, ist noch völlig offen. Jetzt muss er sich als Abwehr-Akrobat beweisen.

Tah-Ankunft am Donnerstag

Jonathan Tah war knapp 8000 Kilometer entfernt vom deutschen Team, als ihn am späten Dienstagabend der Anruf von Löw-Assistent Marcus Sorg erreichte. Der Abwehrspieler weilte bereits im Urlaub. In Miami wollte sich der 20-Jährige von der Saison erholen, in der er in Leverkusen zum Stammspieler reifte. Sein Urlaub fand ein abruptes Ende, doch darüber war Tah nicht traurig. Im Laufe des Donnerstages wird der 1,92 m-Hüne in Evian erwartet.

Für Bayer absolvierte Neuzugang Tah, der in der vorherigen Saison vom HSV an Zweitligist Düsseldorf ausgeliehen war, 29 Ligaspiele und alle sechs CL-Partien. Im Saisonendspurt fiel er wegen einer Lebensmittelvergiftung in den letzten drei Begegnungen allerdings aus. Doch das entpuppte sich jetzt als Glücksfall. Denn nach Saisonende absolvierte der Rechtsfuß individuelle Einheiten, um wieder fit zu werden - das war für Löw von besonderer Bedeutung.

„Er ist seit drei Wochen im individuellen Training, das war für uns sehr wichtig. Die Basis stimmt bei Jonathan“, erläuterte der Bundestrainer und erklärte, warum er nicht Sebastian Rudy, den einzig gestrichenen Defensiv-akteur aus dem vorläufigen Kader nachnominierte: „Wir wollten ganz bewusst eine Eins-zu-Eins-Situation schaffen.“

Sven Westerschulze

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