Vor dem Pokalfinale

BVB-Chef Watzke im Exklusiv-Interview: "Wir sind dran"

+
Pressekonferenz Borussia Dortmund

Berlin - Optimistisch blickt Hans-Joachim Watzke dem DFB-Pokalfinale gegen den FC Bayern München im Berliner Olympiastadion entgegen. „Wir sind einfach dran“, erklärte der Vorsitzende der Geschäftsführung einen Tag vor dem Endspiel im Gespräch, das unser Redakteur Peter Schwennecker mit dem Vorsitzenden der Geschäftsführung im Schlosshotel im Grunewald führte.

  Der BVB hat nach der sieben Jahre währenden Ära unter Jürgen Klopp auch unter Thomas Tuchel eine überragende Saison gespielt. Haben Sie damit gerechnet, dass der Trainerwechsel ohne große Probleme verlaufen wird?

Watzke:  „Ohne Probleme schon. Das war meine klare Erwartung. Aber dass es so gut laufen würde, war nicht zu erwarten. 78 Punkte in der Bundesliga, sofort wieder auf den zweiten Platz vorgerückt, den wir ja mal für ein Jahr verlassen hatten, zudem eine gute Saison in der Europa League gespielt, in der wir äußerst knapp in einem sehr denkwürdigen Spiel in Liverpool ausgeschieden. Und jetzt noch das Finale in Berlin. Das ist ein Top-Jahr.“

Sie sind sehr nahe an der Mannschaft, beobachten ja auch oft die Trainingseinheiten. Was macht Tuchel anders als Klopp?

Watzke:  „Es gibt bekanntlich unterschiedliche Wege, die nach Rom führen und auch alle von Erfolg gekrönt sein können. Ich glaube, dass, überspitzt gesagt, Thomas sehr stark auf Positionsspiel fokussiert ist, Jürgen auf schnelles Umschalten und auf Zweikampfführung. Wir haben unter Jürgen auf diese Art und Weise extrem erfolgreich gespielt. Jetzt gelingt uns das auch mit der Art von Thomas. Es ist also beides möglich.“

In Dortmund erfolgte ja praktisch der Wechsel von Vollgas- auf Ballbesitz-Fußball. Sehen Sie diese Entwicklung, was die Attraktivität des Fußballs angeht, positiv?

Watzke:  „Es kommt darauf an, wie man das sieht. Jeder hat ja etwas unterschiedliche Erwartungen an ein Fußballspiel. Ich persönliche sehe gerne Spiele, in dem wir den Gegner klar dominieren. Auf der anderen Seite ist es so, dass die Fans es auch sehr gerne sehen, wenn es rauf und runter geht. Aber das kann man uns und Thomas Tuchel jetzt nicht zum Vorwurf machen. Wenn man mal ganz ehrlich ist, dann ging es bei uns in den vergangenen zwei Jahren unter Jürgen Klopp auch nicht mehr rauf und runter, weil sich die Gegner hinten reingestellt haben. Für den Rauf-und-runter-Fußball, den man in Dortmund eigentlich liebt, muss der Gegner mitspielen. Das macht er ja oft nicht.“

Hat es irgendetwas gegeben, mit dem Sie Thomas Tuchel überrascht hat, was sie so im Vorfeld nicht von ihm erwartet hatten?

Watzke: „Nein, ehrlich gesagt nicht. Weil wir uns mit dieser Personalie schon lange sehr ausführlich befasst hatten. Wir haben uns dann vor der Saison auch intensiv beschnuppert, deswegen hatten wir zum Saison-Start alles besprochen. Deshalb gab es für mich keine Überraschungen.“

Glauben Sie, jetzt vielleicht auch mit Blick auf den FC Bayern München, dass Dominanz unsympathisch macht?

Watzke:  „Dominanz birgt auch immer die Gefahr der Langweiligkeit in sich. Das ist sicherlich so. Doch es gibt trotzdem dazu keine Alternative, weil es jedem Klub am liebsten wäre, wenn er alle 34 Spiele gewinnt. Dennoch wird es für die Liga mittelfristig schon zum Problem, wenn jedes Jahr der gleiche Meister wird. Aber das kann man den Bayern nicht zum Vorwurf machen. Das ist ihr Bestreben, und das muss auch ihr Bestreben sein.“

Fühlen Sie sich sogar etwas mitschuldig an der Dominanz der Münchner, wenn Sie an 2012 und das fast schon demütigende Dortmunder 5:2 im Pokalfinale zurückdenken?

Watzke: „Das war sicherlich die Initialzündung. Doch zu diesem Zeitpunkt hatten ohnehin schon zwei Dortmunder Meisterschaften die Bayern in ihren Grundfesten erschüttert. Wir haben die Bayern zu Höchstleistungen getrieben, wie sie sie vorher in diesem Maße nie geschafft haben. Das passierte umgekehrt aber ebenso, das muss man auch sehen. Wenn wir derzeit auf Rang acht im Uefa-Ranking stehen, die Bayern noch ein paar Plätze davor, dann haben sich diese beiden deutschen Klubs gegenseitig schon eine Menge abgefordert, dass dieses Niveau überhaupt erreicht wurde. Wenn man das einmal mit Frankreich oder Italien vergleicht, dort ist das nicht so.“

Leidet unter der Überlegenheit der Bayern nicht die gesamte Attraktivität der Fußball-Bundesliga?

Watzke: „Man muss da unterscheiden. Für die Attraktivität der Bundesliga insgesamt ist das nicht dramatisch, schon eher für die Attraktivität der Bundesliga außerhalb Deutschlands. Wir wollen ja immer mehr Geld auch im Ausland erzielen, was die Deutsche Fußball-Liga ja auch sehr gut macht. In erster Linie lebt eine Liga vom Meisterkampf. In Deutschland selbst üben auch die Abstiegsszenarien eine gewisse Faszination aus, aber der typische Fernsehkonsument in China oder Japan möchte Meisterschaftskampf sehen. Wenn der auf Dauer nicht mehr stattfindet, dann ist das kein Top-Zustand. Aber was will man dagegen machen?“

In der vergangenen Saison war Borussia Dortmund wieder sehr nahe dran an den Bayern. Jetzt haben die Münchner Mats Hummels vom BVB weggelockt. Glauben Sie, dass die Münchner damit auch die Absicht haben, Dortmund wieder zu distanzieren?

Watzke:  „Das ist der angenehme Nebeneffekt. Ich glaube, dass sie damit in erster Linie eine sportliche Entscheidung getroffen haben. Sie brauchen noch einen top Innenverteidiger. Denn das Ziel von Bayern München in der kommenden Saison ist ja nicht unbedingt, Deutscher Meister zu werden. Das haben sie ja ohnehin schon in ihrer Genetik. Sie wollen die Champions League gewinnen. Und dazu brauchen sie noch einen Spieler von der Qualität eines Mats Hummels. Und wenn der dann noch von Borussia Dortmund transferiert wird, macht es das Ganze für sie vielleicht ein bisschen attraktiver.“

Mit Hummels verliert der BVB nicht nur einen guten Innenverteidiger, sondern auch den Kapitän als Leitfigur. Ist dieser Verlust überhaupt zu kompensieren?

Watzke: „Ja, sicher ist der zu kompensieren. Irgendwann hören Spieler auf oder gehen. Als Franz Beckenbauer damals zu Cosmos New York gegangen ist, haben in München auch alle geschrien, dass es jetzt mit den Bayern zu Ende gehe. Doch es geht im Fußball immer weiter. Wenn wir ehrlich sind, ist Mats auf dem Platz natürlich eine absolute Persönlichkeit, aber in der Mannschaftsführung selbst hat er immer gemeinsam mit seinen Kollegen vom Spielerrat gearbeitet. Ich habe nie das Gefühl gehabt, dass man isoliert nur mit Mats sprechen musste, um zu erfahren, wie es läuft. Intern haben Spieler wie Marcel Schmelzer, Sven Bender oder Marco Reus immer eine klare Meinung gehabt, sich immer deutlich positioniert und die Mannschaft mit geführt.“

Haben Sie sich für die Kaderplanung mit Blick auf die kommende Saison ein festes Zeitfenster gesetzt, oder ist das im Jahre einer Fußball-Europameisterschaft ohnehin nicht möglich?

Watzke: „Das Grundgerüst sollte natürlich möglichst früh stehen. Doch das ist kein Wunschkonzert. Wenn du dich auf einen bestimmten Spieler festgelegt hast, den du gerne hättest, gibt es ja immer noch das Problem, dass der abgebende Verein mitspielen muss. Idealerweise hast du zum Trainingsauftakt alle dabei. Das wäre wünschenswert, aber das kann man nicht garantieren.“

Ilkay Gündogan ist inzwischen am Knie operiert worden. Es wird eine lange Ausfallzeit prognostiziert. Ändert sich dadurch etwas in ihrem Verhalten?

Watzke:  „Das ändert bei uns nichts. Ilkay muss die Entscheidung treffen, ob er geht oder bleibt. Wenn er sich für das Gehen entscheiden sollte, muss ein werthaltiges Angebot kommen. Die ganze Verletzungssituation erleichtert die Thematik natürlich nicht. Da muss man einfach verantwortungsvoll mit umgehen.“

Würden Sie immer noch gerne sehen, dass er bleibt?

Watzke:  „Ja, natürlich. Sonst hätten wir ihm ja auch kein Vertragsangebot gemacht. Auf der anderen Seite hatte ich aber nie den ganz großen Optimismus bei dieser Personalie. Wir müssen jetzt einfach gucken, was sich in den nächsten Tagen entwickelt. Zumal man jetzt ja weiß, auch wenn wir darüber in der Öffentlichkeit nicht philosophieren werden, welche Konsequenzen diese Verletzung mit sich bringen wird. Ilkay wird sich in den nächsten Tagen sicherlich entscheiden.“

Falls Gündogan gehen sollte, würde das automatisch bedeuten, dass sie Henrikh Mkhitayan auf keinen Fall ziehen lassen werden, dabei notfalls, wie bei Robert Lewandowski, auf Vertragserfüllung pochen und auf eine Ablösesumme verzichten werden?

Watzke:  „Wir wollen mit Mkhitaryan verlängern. Die Frage, ob wir auf eine Ablösesumme verzichten würden, würden wir uns nur dann stellen, wenn wir das Gefühl hätten, dass er nicht verlängert. Doch das ist derzeit nicht der Fall.“

In der vergangenen Saison war ja auch die Differenz zwischen Vizemeister Borussia Dortmund und dem Rest der Bundesliga sehr groß. Hat Sie das überrascht?

Watzke:  „Die Vereine, die klassisch direkt hinter uns einlaufen, hatten in diesem Jahr alle Probleme. Bayer Leverkusen ist am Ende ja noch ziemlich sicher als Dritter direkt in die Champions League eingezogen , doch vor wenigen Monaten wurden von einigen Medien noch vehement die Ablösung des Trainers gefordert. Da sieht man einmal den unfassbaren Wahnsinn, der inzwischen im Fußball herrscht. Die Wolfsburger haben für mich eine überraschend schlechte Saison gespielt. Schalke hat sich selbst vielleicht etwas zu stark eingeschätzt und deshalb das ganze Jahr mit sich zu kämpfen gehabt. Diese genannten Klubs erwarte ich in der kommenden Saison alle deutlich stärker.

Freut Sie es, dass in der kommenden Saison mit RB Leipzig auch die neuen Bundesländer wieder im deutschen Oberhaus vertreten sind?

Watzke: „Es freut mich für die Fans und die Menschen im Osten. Den Rest muss man nicht mehr kommentieren.“

Sehen Sie Retortenklubs wie RB Leipzig als Gefahr für die Traditionsvereine in der Bundesliga an?

Watzke:  „Das ist ja nichts Neues. Ich habe das ja schon 2008 öffentlich angemahnt. Damals saßen viele Traditionsklubs aber noch auf einem zu hohen Ross, weil sie glaubten, das wäre für sie kein Problem. Wenn man mir damals öffentlich und auch innerhalb der DFL mehr zur Seite gesprungen wäre, hätten sich manche Dinge anders dargestellt. Aber die besagten Vereine haben es ja vorgezogen, weil der journalistische Mainstream dagegen lief, die Klappe zu halten und sich weggeduckt. Wir haben uns aus eigener Kraft aus diesem ganzen Dilemma befreit - aber leider nur wir. Jeder Klub, der am Reißbrett entworfen wird, kostet am Ende des Tages einen großen deutschen Traditionsverein die internationale Startberechtigung und irgendwann auch möglicherweise den Liga-Verbleib.“

Haben Sie in Ihrer langen Amtszeit als Vorsitzender der Geschäftsführung eigentlich irgendwann einmal bereut, dass sie ein börsennotierter Verein sind?

Watzke: „In jedem Quartal. Ich habe mir das nicht gewünscht, ich habe die Situation übernommen. Ich würde mal gerne sehen, wenn alle 18 Bundesligisten Quartalszahlen vorlegen müssten. Das beste Quartal ist im Fußball einnahmebedingt immer das vierte. Nach dem zweiten oder dritten hast du dagegen immer schlechtere Zahlen. Nur wir müssen sie als einziger Klub vermelden. Dann wird immer geschrieben, der BVB macht Miese. Dass wir am Ende immer einen Riesengewinn machen, wird hingegen in einer Randnotiz veröffentlicht. Ohne Börsennotierung wäre es definitiv einfacher. Wir haben sie aber nunmal. Und die meisten Leute haben damit auch gutes Geld verdient.“

Was stimmt Sie zuversichtlich, dass sich Mats Hummels morgen mit dem Pokal verabschieden wird?

Watzke:  „Wir hatten 2012 eine überragende Saison gespielt und gewonnen. 2014 wurde uns in der Schlussphase ein korrektes Tor von Mats nicht anerkannt. Im vergangenen Jahr waren wir gegen Wolfsburg dann einfach nicht gut. Vom Gefühl her sage ich nach dieser starken Saison: Wir sind dran.“

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare