49 Menschen erschossen

Bluttat von Orlando: Attentäter tötete methodisch

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Mit Regenbogenfarben: Gedenken an Opfer von Orlando.

Orlando - "Er ging zu jedem Einzelnen, der am Boden lag und schoss auf ihn - um sicher zu gehen, dass er tot ist", sagt ein Opfer, das überlebte.

Krasser können Gegensätze kaum sein als in der Nacht des Anschlags von Orlando: Erst pulsierende Musik, Stroboskop, tanzende Menschen, kollektiver Party-Taumel - dann plötzlich Schüsse, Angstschreie, Szenen wie bei einer serienmäßigen, gnadenlosen Hinrichtung. Der Täter, Omar Seddique Mateen, sei methodisch vorgegangen, schildert Angel Colon Jr. es seinem gleichnamigen Vater später im Krankenhaus. "Er ging zu jedem Einzelnen, der am Boden lag und schoss auf ihn - um sicher zu gehen, dass er tot ist", zitiert Colon Senior seinen Sohn. 

Der 26-jährige Angel Colon Jr. gehört zu den Überlebenden des Massakers im Nachtclub "Pulse", er liegt mit Schussverletzungen und einem gebrochenen Bein im Orlando Regional Medical Center. Seinem Vater berichtete er, wie er von Schüssen zu Boden gestreckt wurde und dort bewegungsunfähig liegen blieb. Eine junge Frau sei neben ihm zu Boden gegangen, und beide hätten sich an der Hand gehalten, als der Schütze herumging und methodisch auf die Menschen schoss. "Dann hat er auf das Mädchen geschossen, dessen Hand Angel hielt", berichtet Vater Colon. "Anscheinend hat sie es nicht überlebt." 

Auf der Straße war "überall Blut"

Angel Colons Vater ist einfach nur froh, dass sein Sohn es geschafft hat. "Als ich ihn gesehen habe, habe ich ihn fest in den Arm genommen", sagt er. "Auf Spanisch habe ich zu ihm gesagt: 'Pai, Gott gibt dir eine zweite Chance." 

Stunden zuvor hatten Beamte vor den in einem Hotel versammelten Angehörigen die Namen derjenigen Opfer verlesen, die im Krankenhaus liegen. Viele Menschen in der Menge brachen zusammen, weil die Namen ihrer Lieben nicht darunter waren - und sie das Schlimmste befürchten mussten. 

Die Schwulen- und Lesben-Szene, vollständiger noch: die Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgender und Intersexuellen (LGBTI), waren in den vergangenen Tagen in Orlando zu Höchstform aufgelaufen. Auf die jährlichen Gay Days sollte Non-Stop-Party am Wochenende folgen. "Von 9 bis 11 abends UMSOOOOONST", warb die bekannte Drag-Queen Kenya Michaels aus Puerto Rico auf Facebook für ihren Auftritt im "Pulse". Rund 300 Gäste kamen, um ausgelassen zu feiern. 

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Als der Attentäter zu schießen begann, hielten einige Party-Gäste das Geballer für Trommelschläge. "Aber dann wurden es zu viele Schüsse", sagt Christopher Hansen. "Es klang wie bang, bang, bang, bang." Als Hansen sah, wie andere zusammenbrachen, robbte er ins Freie. Den Schützen bekam er nicht zu Gesicht. Draußen auf der Straße traf er auf Helfer und sah "überall Blut". Das Management des Clubs setzte nach kurzer Zeit eine Notfallnachricht auf Facebook ab: "Alle raus!" 

Gedenkfeier am Sonntagabend

Rund 300 Trauergäste kamen am Sonntagabend in die El-Calvario-Kirche im Stadtzentrum von Orlando zu einer Gebetsstunde für die Opfer. Auch hier, so wie unter den "Pulse"-Besuchern und den Opfern, sind die Hispanics in der Überzahl. Unterdessen stehen Freiwillige unter strömendem Regen Schlange, um Blut für die zahlreichen Verletzten zu spenden. "Meine Schwester ist lesbisch, ich habe viele Bekannte in der Community der Schwulen und Lesben", sagte Sonia Drudge. "Ich habe das Gefühl, dass ich das für meine Leute tun muss." 

Vor dem Blutspendezentrum musste sie fünf Stunden warten, so groß war das Gedränge. Im Gegensatz zu anderen Einwohnern von Orlando ist Drudge nicht völlig überrascht von dem Anschlag im "Pulse". Schließlich lockt Orlando jährlich mehr als 60 Millionen Touristen an, mit Vergnügungsparks und Party-Meile. "Wir stehen ganz oben auf der Liste für Terrror-Anschläge", sagt Drudge. "Genau weil wir das sind, was wir sind: Orlando, der glücklichste Ort auf der Welt."

afp

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