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Kiersper Etienne Sikora geht auf die Walz.

Etienne Sikora geht auf die Walz

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KIERSPE ▪ Für Etienne Sikora beginnt die Fremde in der Heimat. Denn als Fremde bezeichnen die Wandergesellen alles, was hinter dem Ortsschild liegt. Und über dieses musste der Kiersper Dachdecker klettern, um sich den Gesellen anzuschließen und die nächsten Jahre auf der Walz zu verbringen. Mit einer Zeremonie wurde der 23-Jährige in dem Ort verabschiedet, den er jetzt mindestens drei Jahre und einen Tag nicht mehr betreten darf – wenn er kein Schlitzohr werden will.

Etienne Sikora geht auf die Walz. ▪

© Becker

Etienne Sikora geht auf die Walz. ▪

„Bereits seit Jahren beschäftige ich mich mit dem Thema. Konkret wurde es dann in den vergangenen beiden Jahren. Und jetzt geht es endlich los“, erklärt Etienne Sikora. Nach seiner Ausbildung zum Dachdecker kam der Wunsch, einige Gesellenjahre auf der Walz – der Wanderschaft der Handwerksgesellen – zu verbringen. So nahm der junge Kiersper Kontakt zu dem Schacht der Fremden Freiheitsbrüder auf, besuchte deren Treffen und fragte schließlich den Wandergesellen Martin Frühauf, ob dieser ihn während der ersten Monate auf Wanderschaft begleiten würde. Und der sagte zu – zieht jetzt mit dem „Jungwandernden“ durchs Land, erklärt ihm die Gepflogenheiten und Regeln, die er nun zu beachten hat.

Dazu gehört, dass er sich in den kommenden drei Jahren seiner Heimatstadt nicht mehr als 50 Kilometer nähern darf, kein Geld für Übernachtungen und Reisen ausgibt und sich ehrbar und anständig verhält.

Frühauf, der es faustdick hinter den Ohren hat, wobei dies durchaus wörtlich zu nehmen ist, denn das Wort Faustdick hat er sich tätowieren lassen, ist selbst seit zweieinhalb Jahren unterwegs. In dieser Zeit hat er nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Schweiz, Österreich, Frankreich, Tschechien, Polen, Dänemark und Schweden gearbeitet – immer getreu dem Motto: „Reisen zum Arbeiten, Arbeiten zum Reisen“.

Per Anhalter oder zu Fuß wird sich nun auch der junge Kiersper durchs Land bewegen. Aufs Handy wird er auch verzichten müssen. Festnetztelefone und das Internet dürfen aber genutzt werden – wobei sich die Gesellen lieber auf die persönliche Übermittlung verlassen. Wie gut dies klappt, wurde auch bei der „Losgeherei“ von Etienne Sikora deutlich. Rund 20 Gesellen aus ganz Deutschland waren gekommen, um ihren neuen „Kameraden“ zu verabschieden und ihn auf den ersten Kilometern zu begleiten.

In der Nähe des Ortsschildes an der Kölner Straße musste Etienne mit einem Löffel und später mit einem Spaten ein Loch graben, in dem eine Flasche Aufnahme fand. Darin niedergeschrieben seine Erwartungen an die Wanderzeit, aber auch die Wünsche seiner Familie, Freunde und Wandergesellen.

Später musste sich der 23-Jährige dann von jedem noch persönlich verabschieden. Anschließend kletterte er mit der Hilfe seines Vaters aufs Ortsschild, von dem er sich in die Hände seiner neuen Kameraden fallen ließ. Ohne noch einmal einen Blick zurückzuwerfen, ging es dann Richtung Meinerzhagen, wo er aufgrund der Uhrzeit auch seine erste Nacht auf der Walz verbrachte. Wohin es danach ging, wusste nur Frühauf, der hielt sich aber bedeckt: „Wird wohl so Richtung Südosten gehen.“

Andere Gesellen nutzten das Treffen in Kierspe, um sich in einer anderen Stadt zu verabreden. „In vier Tagen in Münster“, hieß es da. Keine Stunde und kein genauer Treffpunkt. „Das klappt immer. Wir fragen einfach in ein zwei Kneipen im Zentrum nach. Mit unserer Kleidung fallen wir sofort auf und finden uns wieder. Das funktioniert auch in Hamburg, Berlin oder Rom“, erklärt einer von ihnen.

Etienne Sikora wird all dies nun noch lernen müssen. Und in ein paar Monaten, wenn er sich in den Augen seines Freiheitsbruders Frühauf bewährt hat, dann muss er sich endgültig entscheiden, ob er weitermacht und in Zukunft die „Ehrbarkeit“ (einen Schlips in den Farben des Schachtes) trägt oder doch lieber abbricht. Entscheidet er sich für die Ehrbarkeit, dann gibt es kein Zurück mehr. In früheren Zeiten wurde Gesellen, die sich unehrenhaft verhielten oder vor der Zeit nach Hause gingen, der Ohrring herausgerissen. Als „Schlitzohren“ trugen sie diesen Makel dann ein Leben lang.

Doch ans Aufgeben verschwendet Sikora keinen Gedanken. Zu groß die Freude auf das Neue und Unbekannte.

Und gleich am ersten Tag seiner Wanderschaft übernahm er auch die Führung der Gruppe. Denn auch wenn die B 54 Richtung Meinerzhagen bereits die Fremde ist, so kannte sich dort von den Gesellen keiner besser aus als ihr Neuzugang.

Von Johannes Becker

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