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Ballettabend „Träumer. Tanzen. Lieben“ in Dortmund

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DORTMUND – Im Ballettabend „Träumer.Tanzen.Lieder“ führt Ballettdirektor Xin Peng Wang für das Ballett Dortmund die Werke von zwei großen, zeitgenössischen Choreografen zusammen.

Stöß

Ekstatische Bewegungen: Szene aus Mauro Bigonzettis Choreografie „Cantata“ in Dortmund ▪

Von Ursula Pfennig

Die Atmosphäre der beiden Stücke könnte kaum gegensätzlicher sein. Eiskalt ist die Sicht von Christian Spuck in „Sleepers Chamber“, der an das Temperament von Heuschrecken im Winterschlaft anknüpft. Mauro Bigonzettis „Cantata“ hingegen sprüht vor Feuer und Leidenschaft. Wie „von der Tarantel gebissen“ feiern und tanzen die Frauen süditalienischer Dorffeste. Ein großer Spaß – gerade weil es auch ein Tanz am Rande menschlicher Abgründe ist.

„Sleeper Chamber“ eröffnet den Abend. Harte, elektronische Rhythmen und bedrohliche Bässe stimmen das Publikum ein, bevor der Vorhang den Blick auf das farblose Bühnenbild freigibt. Alles ist grau und starr: Erstarrte Figuren in grauen Fracks mit spitzen, grauen Hüten vor grauem Boden und grauem Hintergrund, von dem schwarz die gespenstischen Silhouetten riesiger Heuschrecken abheben. Schnee rieselt.

Spuck beleuchtet in seiner Choreografie den Moment zwischen Schlaf und Erwachen. Dabei nimmt er Bezug zu dem Naturphänomen, dass manche Heuschreckenarten jahrelang in einer totengleichen Starre verharren, bevor sie alle gleichzeitig hervorbrechen. Doch auch eine politische Interpretation drängt sich auf: Terroristen, Spione, Nazis, die jahrelang als „Schläfer“ im Verborgenen wirken, bevor sie zuschlagen.

Als die Figuren sich aus der Starre lösen, dominieren abgehackte Bewegungen. Häufig werden die Gelenke in rechten Winkeln gespreizt. Und doch sind das keine Maschinen, die die Tänzer da verkörpern. Etwas existenziell Menschliches lauert in ihnen. Es bricht hervor, wenn sie sich von ihren dornengleichen Tarnkappen befreien, paar- und gruppenweise Stärke demonstrieren, die wie eine fremde Naturgewalt daherkommt. Auch in der Musik lauert Verborgenes. Spuck bat den Komponisten Martin Donner, Barockmusik von Corelli einzuflechten. Manchmal tritt das melodiöse Thema deutlich hervor, scheint die Tänzer geradezu hinwegzutragen, um dann wieder hinter kalter Percussion zu verschwinden.

Nach der Pause der Kontrast: „Cantata“ von Maurio Bigonzetti. Grundlage ist die apulische Legende von den Taranteln. Man sagt, dass die Frauen von dem Spinnenbiss wahnsinnig werden, auf allen Vieren durchs Dorf rennen und ihre Arbeit verweigern. Das einzige Gegenmittel: Tanz.

Bigonzetti greift die Atmosphäre eines ausgelassenen Dorffestes auf. Traditionelle Lieder aus Süditalien, arrangiert von „Gruppo Musicale Assurd“, bilden die Grundlage für eine mitreißende Choreografie. Ein unbändiger Spaß wird gezeigt – und zwar in seiner archaischen Dimension als Spiegel der menschlichen Existenz.

Im Halbkreis schaut der Rest des Dorfes lässig zu, wenn da die Frauen ausrasten und ihre Männer sie wieder einfangen. Die Frauen bespringen die Männer im Wortsinn: mit beiden Füßen auf den Bauch, um sich danach, auf dem Rücken liegend, mit einem Kreuzgriff der Füße übereinander zu wälzen. Man ist hier nicht zimperlich, auch das Publikum wird beschimpft. Wer sonst sollte hier so stinken? Was da passiert, ist manchmal nicht so genau auszumachen. Ist das eine Rauferei oder nur ein Schaukampf? Wut, Zuneigung und Spaßmacherei gehen ineinander über. Ein großartiger Reigen, kraftvoll und leidenschaftlich, vereint die Lebenslust einer starken Gemeinschaft – auch wenn das Leben im Alltag, wo Männer ihre Frauen auf Haufen werfen – bestimmt nicht immer lustig ist. Das 18-köpfige Ballettensemble läuft zu Hochform auf, besticht in Technik, Ausdruck und Kondition.

17.2, 26.2., 9.3., 17.3, 1.4., 8.4., 16.5.

Tel. 0231 / 50 27 222, http://www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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