„Die Kosten sind sowieso da“

Warum es für viele Flüchtlinge keine Wohnungen, sondern nur Wohnheime gibt

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Bis 1989 schliefen hier Jugendherbergs-Gäste. Jetzt wohnen Flüchtlinge in dem Übergangswohnheim am Nattenberg.

Lüdenscheid - Die junge Familie ist seit acht Monaten in Sicherheit. Immerhin. Derzeit hausen Mutter, Vater und der siebenjährige Sohn im städtischen Übergangswohnheim am Nattenberg. In der ehemaligen Jugendherberge steht ihnen ein Zimmer von 11,8 Quadratmetern zur Vergfügung.

Drei Betten, zwei Schränke, ein Tisch und drei Stühle auf engstem Raum – dazu ein Stück der Gemeinschaftsküche und eine der Toiletten. Dafür erhebt die Stadt Nutzungsgebühren in Höhe von 1006,02 Euro. Die Familie könnte am Wehberg eine 50-Quadratmeter-Wohnung beziehen, möbliert, für 350 Euro warm. Aber sie muss am Nattenberg bleiben, heißt es im Rathaus.

Franz Schacht (69), früher Lehrer am Zeppelin-Gymnasium, kümmert sich ehrenamtlich um die kleine Familie. Er bringt den Flüchtlingen – woher sie stammen, wollen sie nicht preisgeben – die deutsche Sprache bei, hilft bei Behördengängen, bringt Einkäufe zum Nattenberg und hat für die junge Frau ein Bett mit einer vernünftigen Matratze besorgt. Seitdem hat sie weniger Rückenschmerzen. Der Vater (33), studierter Informatiker, und sein Sohn (7) schlafen in einem Bett, dass schon zu Jugendherbergs-Zeiten dort stand.

Die Enge der Unterkunft, der fehlende Rückzugsraum für den kleinen Jungen, die erzwungene Langeweile ohne Chance auf Praktikum oder gar Arbeit für den Vater, die Abhängigkeit von behördlichen Entscheidungen – all das zermürbt die Betroffenen. Franz Schacht sieht einen Ausweg. In seiner Nachbarschaft am Wehberg weiß er von einer freien Wohnung – und hofft auf die Chance, seine Schützlinge dort unterzubringen. „Der Bürgermeister hat doch an Vermieter appelliert, Flüchtlingen Wohnungen anzubieten.“ Der Nachbar sei dazu bereit.

„Also war ich war beim Sozialamt und habe das Anliegen vorgetragen.“ Schließlich könne die Stadt ja sogar Geld sparen. Aber die zuständige Sachbearbeiterin winkt ab. Solche Angebote, heißt es sinngemäß, kämen nur für Flüchtlinge in Frage, die eine gute Chance auf Anerkennung des Asylantrages haben.

Das ist die erste unüberwindliche Hürde. Denn wäre die kleine Familie aus Syrien oder Eritrea geflohen und nicht aus ihrem kleinen Land im Nahen Osten, bestünde laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) eine 90-prozentige Chance auf Anerkennung. Die Schützlinge des ehrenamtlichen Betreuers Franz Schacht dürfen sich aktuell allerdings höchstens Hoffnungen auf eine zeitlich befristete Duldung machen.

Damit ist auch die Hoffnung auf einen Umzug in eine Wohnung vergeblich. Martina von Schaewen, in der Stadtverwaltung unter anderem für die Koordination von Flüchtlingsangelegenheiten zuständig, erklärt, dass die Wohnungszuweisung vom ausländerrechtlichen Status der Flüchtlinge abhängt. Das Asylgesetz lasse kaum Spielraum. Jedem Flüchtling stehen sieben bis acht Quadratmeter zu, „Bewegungsräume“ wie Küche, Flur oder Toilette eingerechnet.

Auf die Frage, wie es zu einer Gebührenhöhe von mehr als 1000 Euro für die Nutzung eines Zimmers kommt, das kaum größer ist als eine Gefängniszelle, gibt es aus Sicht der Stadtverwaltung nachvollziehbare Antworten. Die Gebühren müssen demnach kostendeckend sein. Eingerechnet werden Komponenten wie das Gehalt des Hausmeisters und der Sozialarbeiter, deren Fahrtkosten, dazu Unterhaltungsaufwand für das Haus und die Umlage oder auch Abschreibungsbeträge.

Martina von Schaewen: „Am wirtschaftlichsten ist es, wenn die Übergangswohnheime ausgelastet sind und effizient genutzt werden.“ Das sei derzeit nicht der Fall. Unter anderem, weil viele Vermieter dem Aufruf des Bürgermeisters gefolgt sind. „Aber die Kosten sind trotzdem da.“ Bis Ende September werden 90 neue Flüchtlinge erwartet. Die Kapazitäten dafür seien in den Heimen vorhanden. 

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