„Die Wanderhure“: Erstaunliches aus der Vorlage gemacht

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Marie Schärer ist mit ihren Wanderhuren-Kolleginnen unterwegs und zu allem entschlossen.

Lüdenscheid - Verräter, geile Böcke, erbärmliche Mörder auf der einen – eine brutal vergewaltigte Jungfrau und ein guter König auf der anderen Seite: Das Personal im Roman „Die Wanderhure“ von Iny Lorentz, einem Pseudonym des Ehepaares Iny Klocke und Elmar Wolrath, lässt sich fast immer zügig in Gut und Böse aufteilen.

Das erleichtert die Lektüre. Leser und Leserinnen befinden sich sehr schnell im Einklang mit dem grandiosen Rachefeldzug der ehrbaren Bürgerstochter Marie, die durch die Intrige eines moralisch völlig verkommenen Subjektes ihre Ehre, ihren Vater und ihr gutes Leben in Konstanz verliert und zur Wanderhure Hanna wird. Selbst Freunde der bürgerlichen Rechtsordnung kommen kaum umhin, ihren Feinden, ausgemachten Schurken, den baldigen Tod zu wünschen. Wer den Roman liest, muss einige hundert Seiten darauf warten, dass sich Marie Schärers Rachewunsch endlich erfüllt. In der Theaterfassung von Daniel Hohmann kommt der Rezipient mit etwa zweieinhalb Stunden aus, bis dieser erbärmliche Magister Ruppertus Splendidus, der so gar nicht „prächtig“ ist, zur verdienten Hölle fährt.

Es war also ein im Kern eher übersichtliches Werk, das das Theaterlust-Ensemble aus München am Sonntagabend im Kulturhaus präsentierte. Das eigentlich Erstaunliche war, was Regisseur Thomas Luft und seine Schauspieler aus diesem Stoff machten. Spielfreudige Akteure in ansprechenden Kostümen bewältigten den Spagat zwischen bis zu vier Rollen und brachten Leben in die zumeist recht stereotypen Figuren der Vorlage. Das Bühnenbild aus viel Stoff, vielseitig verwendbaren hohlen Metallquadern und Videoprojektionen erwies sich als wandlungsfähig und bot einiges für das Spiel und die Augen.

Licht und Schatten, Schwarz und Weiß trafen sich beeindruckend in jener lächerlichen Gerichtsverhandlung, die als Schauprozess und Mordsspektakel eine Unschuldige dem Verderben preisgibt. Dazu erklang Musik, die teilweise sehr subtil die Stimmungslagen der Zuschauer förderte. Eine sehr nette Truppe waren die Huren rund um Marie Schärer (klasse: Anja Klawun), die auch schon mal einen Rap anstimmten: „Wir müssen huren, um zu leben.“ Ein bisschen deppert kam Ritter Dietmar von Arnstein (Gregor Eckert) daher, der allerdings sehr umsichtig von seiner Frau Mechthild auf dem rechten Weg gehalten wurde.

Und als der gute König Sigismund (Stefan Rihl) endlich die gute Ordnung der Welt gegen Schurken und Klerus wiederhergestellt hatte, verkündete Mechthild einen Satz, der aus dem 15. Jahrhundert irgendwie in die Gegenwart sprang: „Europa dürstet nach Gerechtigkeit.“

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