Entschuldigung der Polizei

Tochter versucht vergeblich Waffen des dementen Vaters abzugeben

Wer verhindern möchte, dass Waffen in falsche Hände geraten, kann auch den Polizeinotruf 110 wählen.

Lüdenscheid - Mitunter scheint es einfacher zu sein, Waffen zu bekommen, als sie wieder abzugeben. Diese Einschätzung legt ein Fall in Lüdenscheid nahe.

„Es kann doch nicht sein,“ sagt die Tochter aufgebracht, „dass das keiner koordiniert und die Dringlichkeit sieht.“ Seit Anfang Juni versuche sie, den Inhalt eines Waffenschrankes samt Munition in verantwortungsvolle Hände zu legen. Bis heute sei es nicht möglich gewesen, die Waffen ihres dementen Vaters abzugeben.

Das beunruhige sie und ihren Lebensgefährten sehr, gerade in der heutigen Zeit, in der mit dem Thema doch angeblich so sensibel umgegangen werde. „Selbstverständlich“, so sagt Polizeisprecher Dietmar Boronowski, „holen wir die Waffen ab oder nehmen sie auch in Empfang.“ Dass das in diesem Fall nicht geklappt habe, „dafür entschuldigen wir uns“.

Der alte Herr, jenseits der 80, war zeitlebens Jäger und hat einen gesicherten Stahlschrank mit Gewehren und Pistolen in seinem Haus bei Lüdenscheid. Doch er sei zunehmend dement, habe Pflegestufe 1, sei altersdepressiv und suizidgefährdet, erzählen die Angehörigen, die auswärts wohnen. Also baten sie eine Bekannte, zumindest die Munition an sich zu nehmen und auf einer Polizeiwache abzuliefern. Dort habe man die Annahme verweigert mit der Begründung, es liege keine Vollmacht des Betroffenen vor. Ein Telefonat mit der Kreisbehörde in Iserlohn, und dort mit dem Ansprechpartner für Waffen- und Munitionsangelegenheiten, sei unerfreulich und ergebnislos verlaufen, sagen die Angehörigen. In ihrer Verzweiflung wandten sie sich an die LN.

„Zeitnah eine pragmatische Lösung zu finden“, das ist für Dietmar Boronowski in solchen Fällen oberstes Gebot. „110 anrufen, da weiß ich, dass es läuft“, rät er für den Fall, dass jemand gar nicht mehr weiter wisse. Rein rechtlich sei natürlich eine Vollmacht erforderlich, sagt er. Aber für die Angehörigen sei wichtig, dass im Notfall schnell gehandelt werden könne, „damit mit den Waffen nichts passiert“. In diesem Fall hat die Familie jetzt erst einmal selbst „die Kuh vom Eis“ geholt: Der Waffenschrank ist abgeschlossen, der Schlüssel in Verwahrung.

Was in dem Fall falsch gelaufen ist, hat Boronowski mittlerweile recherchiert. Neben der rechtlich korrekten Antwort auf der Wache müsse man natürlich auf Notfälle pragmatisch reagieren. Im Fall der Waffenbehörde sei in Reaktion auf das Telefonat zwar ein Info-Schreiben an die Angehörigen formuliert worden, aber als „klassisches Büroversehen“ bislang nicht in die Post gelangt. Das sei aber nun geschehen.

Für die Angehörigen ist ihre Erfahrung nur ein Beispiel für einen Missstand, der viele betreffe, wie sie glauben. In ihrem Bekanntenkreis gebe es manche Witwe, die nach dem Tode ihres Mannes nicht wisse, wohin mit den Jagdwaffen, sagt die Tochter und sieht das als grundsätzliches Problem. Es gebe hohen Aufklärungsbedarf, glaubt sie.

Wünschenswert sei eine Hilfestellung wie etwa bei der Abgabe des Führerscheins, regt sie an. Auch das sei bei ihrem Vater nun erforderlich. „Mit dem Führerschein ist er wunderbar psychologisch aufgefangen worden. So etwas hätte ich mir auch von der Waffenbehörde erhofft.“

Die aber wird nicht automatisch informiert, wenn jemand den Führerschein aus Altersgründen abgebe – ein Alarmsignal bei einem Waffenscheininhaber, wie Dietmar Boronowski weiß. Doch hier sei ein Hinweis von der Familie erforderlich.

Den Angehörigen zeigt ihre Erfahrung, dass zwischen dem, wie es laufen sollte, und dem, wie es mitunter läuft, eine Lücke klafft. „Es kann doch nicht sein, dass die Behörden erst dann tätig werden, wenn eine Erlaubnis desjenigen vorliegt, von dem man befürchtet, dass er Waffen missbrauchen wird“, sagen sie. Künftig wolle man zeitnah eine Lösung finden, bekräftigt der Polizeisprecher: „Ich hoffe, dass das ein Einzelfall ist.“  

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