Utopien erwünscht: Katholische Pfarrei bläst zum Aufbruch

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Generationenübergreifend war die Bereitschaft, an der Zukunft der katholischen Pfarrei mitzuarbeiten.

Lüdenscheid - Es herrschte Aufbruchstimmung am Freitagabend im Bürgerforum des Rathauses: Rund 250 Katholiken der Stadt hatten sich versammelt, um gemeinsam die Zukunft der Pfarrei St. Medardus auf den Weg zu bringen. 

Den Mitgliedern der Koordierungsgruppe des Pfarreientwicklungsprozesses war die Erleichterung angesichts der vielen Menschen, die zum Teil auf dem Boden saßen oder hinter und neben den Sitzreihen mit knapp 150 Plätzen standen, anzusehen. Pfarrer Andreas Rose erklärte in seiner Begrüßung, dass man bewusst das Bürgerforum und nicht einen kirchlichen Raum für die Veranstaltung gewählt habe: „Das soll deutlich machen, dass wir uns nach außen öffnen.“

Warum der Prozess nötig ist und wie er ablaufen soll, erläuterten Hans-Joachim Waibel vom Kirchenvorstand und Pfarrgemeinderatsvorsitzender Markus Geisbauer – beide wie Rose Mitglieder der Koordinierungsgruppe. Dabei brachte Waibel Zahlen ins Spiel: Sinkende Einnahmen, steigende Ausgaben, weniger Katholiken und noch weniger Priester. Dazu gibt es Prognosen des Bistums Essen bis ins Jahr 2030, die zum Handeln zwingen, gerade was die Finanzen angeht, denn bis 2030 müssten fast 50 Prozent der Kosten eingespart werden – aber auch in Bezug auf Strukturen der haupt- und ehrenamtlichen Arbeit in den Gemeinden und Pfarreien. Geisbauer skizzierte den Ablauf des Prozesses anhand eines Films des Bistums – Ideen sammeln, sortieren, auswerten, ein Konzept entwickeln, über das die Gremien der Pfarrei entscheiden und das dann dem Generalvikariat des Bistums vorgelegt wird. Wenn von dort das O.k. kommt, kann mit der Arbeit begonnen werden.

Hohe Bereitschaft zur Mitarbeit

Dabei betonten alle, dass die Koordinierungsgruppe lediglich als Schnittstelle diene, bei der alle Fäden zusammenlaufen. Nicht einmal mögliche Arbeitsgruppen seien bislang benannt worden, um denjenigen, die am Prozess mitwirken wollen, nicht vorzugreifen. Dass die Bereitschaft dafür da ist, zeigte sich nach dem Ende des offiziellen Teils: Viele der Anwesenden blieben noch, suchten Gespräche und machten von der Möglichkeit Gebrauch, an Tafeln erste Kommentare zu Fragen wie „ich engagiere mich, weil“, „mein Glaube lebt, wenn“ anzubringen. Außerdem konnten alle, die sich aktiv einbringen möchten, Zettel mit ihren Kontaktdaten ausfüllen und in eine bereitgestellte Box werfen. Direkt daneben war eine weitere Box, die dazu aufforderte, Ängste und Sorgen zu formulieren.

Pater Dr. Rolf-Dieter Pfahl, der ebenfalls der Koordinierungsgruppe angehört, bat die Zuhörer, in der ersten Phase des Prozesses ihrer Phantasie und ihren Visionen freien Lauf zu lassen: „Utopie ist ein ganz wichtiges Wort für uns Christen.“ Letztlich waren sich alle Redner einig, dass Festhaltenwollen an gewohnten Strukturen und Gebäuden viel weniger wichtig sei, als den Glauben zu leben und als Christen das Leben in der Stadt mitzugestalten.

Schlaflose Nacht wegen St. Petrus und Paulus

Auch Pastor Johannes Broxtermann ergriff das Wort, und berichtete von der „Sprachlosigkeit“, die ihn zunächst getroffen hätte, als das Bistum nach der großen Strukturreform von 2006 im vergangenen Jahr erneut gewaltige Einschnitte von den Pfarreien gefordert habe. Einer solchen Management-Aufgabe habe er als Pfarrer sich nicht mehr stellen wollen. Aber noch bevor er sein Amt aufgegeben habe, sei die Kaufanfrage der Baptisten für die Kirche St. Petrus und Paulus an ihn herangetragen worden. Er habe eine schlaflose Nacht gehabt, aber dann sei er zu der Erkenntnis gekommen, dass es doch eine gute Lösung sei, wenn eine Kirche auch Kirche bleiben könne und nicht wie zum Beispiel in Altena Bierzeltgarnituren der Schützen dort gelagert würden. Deshalb hätten sich die Verantwortlichen der Pfarrei entschieden, wenn ein endgültiges Kaufangebot kommt, dem auch zuzustimmen. Wenn nicht, werde St. Petrus und Paulus genau wie alle anderen Gebäude teil des Pfarreientwicklungsprozesses, dessen Ergebnis jetzt noch völlig offen sei.

Beeindruckt von der Aufbruchstimmung der Lüdenscheider Katholiken waren auch einige Beobachter: Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinden, die stellvertretende Bürgermeisterin Verena Kasperek sowie Angehöriger katholischer Gemeinden aus den Nachbarstädten.

Mitglieder des Koordinierungskreises sind Pfarrer Andreas Rose, Hans-Joachim Waibel, Markus Geisbauer, Dr. Guido Auner, Bettina Leonidas, Marita Franzen, Barbara Kopietz-Dette und Pater Dr. Rolf-Dieter Pfahl.

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