Unruhe im Gerichtssaal: Gestört, beleidigt und bedroht

Lüdenscheid - Der Mann, dem die Behörden unterstellen, ein Mitglied der Rockergang „Hells Angels“ zu sein, sitzt vor allem wegen der Aussage eines einzigen Belastungszeugen in U-Haft – seit mehr als fünf Monaten. Doch der Zeuge scheint jetzt zu kneifen. Und wirft den Terminplan der 4. großen Strafkammer gehörig durcheinander.

Das Verfahren birgt reichlich Zündstoff für alle Beteiligten. Die Angeklagten dürfen nicht miteinander reden. Sie haben es aber trotzdem immer wieder versucht. Auf türkisch, damit die Aufpasser nichts mitkriegen.

Die Vorsitzende, Richterin Heike Hartmann-Garschagen, schiebt nun einen Riegel davor. Sie ordnet an, dass ab sofort nur noch deutsch gesprochen werden darf, auch in den Vorführzellen. Und weil sie den türkischstämmigen Angeklagten offenbar nicht traut, hat sie gleich noch einen Dolmetscher zu ihnen gesetzt, falls die Beschuldigten nochmal auf die Idee kommen, unverständlich zu tuscheln.

Der Belastungszeuge (48), ein griechischer Gastwirt aus Hohenlimburg, hat plötzlich abgesagt. Ihm sei ein Zahn abgebrochen, lässt er ausrichten. Das Attest reiche er nach. Am Nachmittag taucht er dann doch im Saal 201 auf – und überreicht ein Attest seines Hausarztes. Der bescheinigt seinem Patienten eine „schwere psychische Dekompensation“, also eine akute Störung. Hartmann-Garschagen will ihn trotzdem vernehmen, redet beruhigend auf den Zeugen ein. Doch der schüttelt nur stumm den Kopf. Dann sagt er: „Sie reden hier mit mir, und ich bin nicht dabei.“

Der Verteidiger des mutmaßlichen Rockers, Rechtsanwalt Wolf Bonn aus Düsseldorf, schimpft. Das sei für seinen Mandanten „untragbar“. Die Richterin kündigt an, den Bochumer Psychiater Dr. Pedro Faustmann mit der Untersuchung des Zeugen zu beauftragen. Das soll Klarheit über die Aussagefähigkeit des Gastwirtes bringen. Am nächsten Prozesstag soll der Zeuge dann vernommen werden.

Im Zuschauerraum teilt sich das Publikum in zwei Lager. Auf der einen Seite die Angehörigen des jungen Angeklagten, der bereits umfangreich ausgesagt hat. Auf der anderen Seite Verwandte und Freunde des Hauptangeklagten. Plötzlich springt eine kleine Frau mit Kopftuch auf. Es ist die Mutter des 23-Jährigen. „Ich werde hier gestört, beleidigt und bedroht. Ich kann nicht in Ruhe zuhören.“ Die Frau wird gebeten, den Saal zu verlassen.

Eine Stunde später sitzt die 49-Jährige im Zeugenstand. Und berichtet vom Schicksal einer befreundeten Familie. Der Familienvater habe nebenberuflich im Forum am Sternplatz ein Café eröffnet. Da habe Murat ihn bedroht, zusammengeschlagen und gezwungen, das Café zu schließen. „Sie sind aus Angst nach Stuttgart gezogen, ohne was mitzunehmen. Sie haben Angst, dass sie verfolgt werden und lassen sich in Lüdenscheid nicht mehr blicken.

Der Prozess wird am 1. Juli um 9.30 im Saal 201 fortgesetzt.

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