Tumult im Gerichtssaal: Die Fäuste fliegen, aber treffen nicht

Lüdenscheid - Es geschieht ganz plötzlich, doch nicht wirklich überraschend: Am Ende des achten Verhandlungstages fliegen die Fäuste – aber sie treffen nicht. Vier der zwölf im Saal anwesenden Sicherheitskräfte verhindern, dass der Hauptangeklagte Murat S. und der Belastungszeuge aus Hohenlimburg übereinander herfallen. „Du hast mein Leben kaputt gemacht“, schreit der Gastwirt aus Hohenlimburg – und ruft der Richterin zu, der Automatenaufsteller aus Lüdenscheid habe „Bastard“ und „Ich mache dich fertig!“ zu ihm gesagt. „Der bedroht mich!“

Das sorgt für lautstarke Reaktionen bei den zahlreichen Zuschauern – fast durchweg aus dem Bekanntenkreis der vier Angeklagten. Sie müssen sich zu Beginn des Prozesstages aber von der Vorsitzenden Richterin Heike Hartmann-Garschagen auch etwas anhören. „Mir ist zugetragen worden, dass gegenüber den Beamten der Wachtmeisterei Beleidigungen ausgesprochen worden sind.“ Wieder hebt die Richterin ihre ansonsten zarte Stimme. „Das ist in keiner Weise hinnehmbar!“

Angesichts des 48-jährigen Belastungszeugen – er gibt als Beruf „eigentlich Fußballer, aber jetzt Gastwirt“ an – schlägt die Stunde der neun Verteidiger. Sie haben den Mann aus Hohenlimburg im Verdacht, gar nicht Opfer der Lüdenscheider zu sein, sondern – im Gegenteil – deren Spielautomaten in seinem Laden manipuliert zu haben, um sich zu Unrecht zu bereichern. Dafür sprechen nach Auffassung der Rechtsanwälte zahlreiche Indizien. Strafverteidiger Wolf Bonn aus Düsseldorf, der den angeblichen „Hells-Angels“-Rocker vertritt, sagt über den Zeugen: „Er hat seine Geschäftspartner abgezockt, er hat in die Kasse gegriffen.“

Zwischenzeitlich hat die Strafkammer nämlich ein Konto des 48-Jährigen unter die Lupe genommen und festgestellt: Er hat zwar behauptet, in finanziellen Schwierigkeiten zu sein, weil der Lüdenscheider Automatenaufsteller ihm keinen Gewinn ausbezahlt habe – aber in den „Miesen“, wie die Vorsitzende anmerkt, war er vorher auch schon permanent.

Das aber passt nicht zur Geschichte des Ex-Fußballers, nach der er einen Lüdenscheider Gastronomen mit 23 500 Euro unterstützt haben will, um dessen Pläne für die Eröffnung eines großen griechischen Cafés am Rathausplatz zu unterstützen. Murats Verteidiger Dieter Kaufmann aus Dortmund fragt den Hohenlimburger: „Woher hatten Sie dieses Geld?“ Die Antwort klingt nebulös. „Gespart, erarbeitet, vom Vater, vom Schwiegervater, irgendwie so.“

Das Gericht spielt zudem mitgeschnittene Telefonate ab. Darin spricht Murats Schwester eindeutig von Abrechnungen. Die will der Hohenlimburger aber nie gesehen haben.

Der Prozess wird heute um 9.30 Uhr im Saal 201 fortgesetzt.

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