Schutzgeld-Prozess: „Viele wollten sich einschleimen“

Lüdenscheid - Die eindringlichen Warnungen von Verwandten und Freunden waren nicht zu überhören. „Halt dich von dem fern, der reitet dich nur in die Scheiße!“ Doch der junge Lüdenscheider wollte so werden wie sein Mentor: ein „erfolgreicher Geschäftsmann“. Am zweiten Prozesstag erklärt er der Vorsitzenden Richterin: „Ich wollte keine Warnungen hören.“ Stattdessen schmeißt er seinen festen Job hin und wird rechte Hand des Spielhallen- und Automatenbetreibers. „Der war eine echte Größe im Milieu, viele hatten Angst vor ihm.“

Nachdem der 23-Jährige am ersten Verhandlungstag als einziger der vier Beschuldigten zu einer Aussage bereit war (wir berichteten), gewährt er nun einen tiefen Einblick in das Milieu – und macht sich keine Freunde bei seinen Mitangeklagten. Denn er belastet vor allem seinen ehemaligen Förderer. Dessen Blicke verfinstern sich bei den Schilderungen.

Demnach hat sich der Kaufmann mit großzügigen Privatkrediten an Gastwirte ein Geflecht aus Abhängigkeiten geschaffen. Der 23-jährige erinnert sich: „Jeder Zweite, den ich kenne, hat Schulden bei ihm.“ Er habe sich oft gefragt, warum sein Chef „so viel Geld an solche Leute“ verleiht. Zu denen gehört auch ein Brüderpaar, das in der Fußgängerzone eine Döner-Bude betrieben hat. Als einer von ihnen den jungen Begleiter des Kreditgebers mehrmals schief anschaut, fängt er sich von ihm prompt ein paar Backpfeifen ein.

Geschäftsführer eines Cafés

Der 23-Jährige steigt auf. Kurz vor seiner Inhaftierung fungiert er als Geschäftsführer eines Cafés in der Altstadt. Festen Lohn gibt es nicht. „Wenn ich was brauchte, bekam ich Geld.“ Immer bar, immer schwarz, ohne Vertrag. „Mit Papierkram hatten wir’s nicht so.“

Die Gegenleistungen bleiben vergleichsweise überschaubar. Er verbringt den Tag in dem Café, leert ab und zu die Spielautomaten oder begleitet den Boss zu „Geschäftspartnern“ – das war’s. „Ich habe eigentlich nix getan. Das hat mir gefallen. Wir hatten schöne Autos und haben wichtige Geschäftsleute kennengelernt.“ Richterin Heike Hartmann-Garschagen fragt entgeistert nach Sicherheiten, Konten, Versicherungen. „Was wäre gewesen, wenn Sie plötzlich krank geworden wären?“ Antwort: „Er hätte das bezahlt.“

Wer dem Boss Geld schuldete, war offenbar in einer schwachen Position. Die Richterin: „Waren die dann besonders nett zu ihm?“ Antwort: „Ja!“ Die Touren durch Spielhallen und Wettcafés sind dem jungen Mann ebenfalls in guter Erinnerung. „Wenn wir reinkamen, dann taten alle so, als ob er Geburtstag hätte.“ Ein Zeuge sagt: „Viele wollten sich bei Murat einschleimen.“

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