Schutzgeld-Prozess am Landgericht: 3000 Euro Strafe für verdorbene Party

Lüdenscheid - Die 4. große Strafkammer entscheidet: Murat S. bleibt in Untersuchungshaft. Es besteht Flucht- und Verdunkelungsgefahr. Damit ist Strafverteidiger Michael Aßhauer mit seinem Antrag (wir berichteten) gescheitert, den Haftbefehl gegen seinen Mandanten aufzuheben oder zumindest außer Vollzug zu setzen.

Der 37-jährige Automatenaufsteller hatte die Vorsitzende Richterin schon vor zwei Wochen gefragt: „Wie lange dauert es noch, bis Sie sehen, dass ich unschuldig bin?“ Heike Hartmann-Garschagen entgegnete kurz angebunden: „Bis wir hier fertig sind.“ Vor Februar 2017 wird allerdings nicht mit einem Urteil gerechnet.

Im Gerichtssaal tragen die Angeklagten mühsam Gelassenheit zur Schau – was dem Hauptangeklagten, der sich wiederholt ungefragt und laut in Vernehmungen einschaltet, nur zeitweise gelingt. Doch hinter den Kulissen, zum Beispiel in den Vorführzellen, spielen sich kleine Dramen ab. Zuletzt wurde bekannt, dass Murats Schwester Filiz in ihrer Zelle von Weinkrämpfen geschüttelt wurde. Und als ihr großer Bruder sie trösten wollte, ließen die „Schließer“ ihn nicht zu ihr – was er wiederum mit einem heftigen Tobsuchtsanfall quittierte.

Die Aussage eines neuen Belastungszeugen am 13. Verhandlungstag dürfte die Stimmung unter den U-Häftlingen auch nicht gerade heben. Im Zeugenstand: der Betreiber der Döner-Bude in der Fußgängerzone, der ein verurteilter Steuerhinterzieher ist, offensichtlich unter Druck stand und 3000 Euro an den Automatenaufsteller bezahlt hat. Der hafterfahrene Döner-Mann – er hat das Geschäft inzwischen aufgegeben und arbeitet nun in einem Getränkeladen – hatte nämlich Schulden bei dem Hauptangeklagten.

Ungewöhnliche Schulden allerdings. Sie sind entstanden bei einer großen Party, die der Automatenaufsteller in dem mittlerweile längst geschlossenen griechischen Café am Rathausplatz veranstaltet hat. Offenbar war der Döner-Mann sturzbetrunken und hat Streit mit Gästen angefangen und angeblich Frauen belästigt. Jedenfalls kam die Polizei, und die Party war zu Ende.

Wenige Tage später zitiert Murat den Schuldigen in ein Geschäft am „Knapp“. Hier wartet der 37-Jährige mit zweien seiner Schläger. Erst gibt es Prügel, dann ein Gespräch unter Männern. Der Döner-Mann soll 5000 Euro Strafe dafür bezahlen, dass er die Party verdorben hat.

Er handelt Murat auf 3000 Euro runter. Dann stottert er den Betrag ab. Mal holt Murats Gefolgsmann, der Mitangeklagte Murat Yasin H., eine Rate. Dann wieder Serdar A., der spätere Pistolenschütze aus dem Wettbüro am Rathausplatz. Dann wieder lässt der Schuldner kistenweise Whisky aus dem Getränkemarkt, in dem er arbeitet, per Taxi an den Automatenaufsteller liefern. Dafür bekommt er dann Lohnabzüge vom Inhaber des Ladens berechnet.

Der Schutzgeld-Prozess wird heute um 10.30 Uhr im Saal 201 des Hagener Landgerichts fortgesetzt.

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