Raub-Prozess platzt: Angeklagter „voll knülle“

Lüdenscheid - Das Schöffengericht tagt. Den Vorsitz hat Amtsrichter Thomas Kabus. Drei Männer – 41, 34 und 33 Jahre alt – sind wegen Raubes angeklagt. Doch zwei der drei Verteidiger haben ihre Mandanten offenbar nicht im Griff. Der Prozess platzt, noch ehe er begonnen hat. Das hat mehrere Gründe.

Gut, Frank-Peter Rüggebergs Kunde ist immerhin gekommen, in Handschellen vorgeführt aus der Haft. Insofern kein großes Verdienst des Rechsanwaltes. Der zweite Angeklagte setzt Gericht, Staatsanwältin und Verteidiger Arnd Katzke drauf, indem er nicht erscheint. Der Dritte ist zwar gekommen, aber nach den Worten des Richters „nur eingeschränkt verhandlungsfähig“. Auf Sauerländisch ausgedrückt: Er ist „voll knülle“. Sein Rechtsanwalt Horst Metag wirkt nicht amüsiert. Sein Mandant lallt: „Wir können trotzdem.“ Auf seinem T-Shirt steht „Where are we?“ (Wo sind wir?).

Die Anklage wird gar nicht erst erörtert. Zunächst erlässt der Richter Haftbefehl gegen den abwesenden Angeklagten – wegen „fortgesetzten Fernbleibens“. Dann hört er sich den Antrag der Staatsanwältin an. Die fordert einen Haftbefehl gegen den Betrunkenen. Sein Zustand sei „selbstverschuldet herbeigeführt“. Metag insitiert: „Ob das selbst verschuldet ist, können wir nicht wissen“. Ob jemand seinen Mandanten mit vorgehaltener Waffe gezwungen hat, sich volllaufen zu lassen, allerdings auch nicht. Der 34-Jährige murmelt irgendwas von „Verfassung“, „Grundgesetz“, „... das geht doch nicht“ und „Da lege ich Widerspruch ein.“

Thomas Kabus wagt einen Versuch. Der Angeklagte möge doch mal seine Personalien aufsagen. Der nennt – spürbar angestrengt – Name, Alter und Adresse. Der Richter antwortet: „Na, die Personalien bekommt er ja noch unfallfrei hin.“ Und kündigt an: „Wenn das noch mal vorkommt, lasse ich Sie in Untersuchungshaft nehmen.“ Der Angeklagte murmelt weiter. Er habe „nur zwei Bier“ getrunken, „damit ich hierher kommen kann“. Der Richter wird langsam sauer. „Wenn Sie noch einmal dazwischenquatschen, sitzen Sie im Knast!“ Metag ist fürsorglich und reicht seinem Mandanten ein Tempotuch. „Beißen Sie da drauf und halten Sie den Mund!“

Der gefesselte Häftling wird wieder abgeführt. Seine Mutter im Zuschauerraum greift nach ihrer Einkaufstasche, darauf steht „Ich freu mich drauf“. Der Betrunkene nimmt das Tempotuch wieder aus dem Mund. Neuer Termin von Amts wegen.

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