Plädoyer für die Ausbildung im Handwerk

Nachwuchs für „Tortenkönig“

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Agnes Fechtenkötter bringt hier „Alteisen“ in Form. Die 22-Jährige geht als nächstes zur Meisterschule nach Iserlohn.

Lüdenscheid - Das Handwerk hat goldenen Boden. Biskuitboden in diesem Fall. „Hier wird bestes Konditorenhandwerk geboten“, lobt der Baedeker-Reiseführer. Er zählt das Café Weßling in der Lüdenscheider Oberstadt in seiner aktuellen Ausgabe zu den Top-Zielen Deutschlands, die es zu entdecken und zu erleben gelte.

„Wir werden als Bereicherung für Lüdenscheid gesehen“, hat Konditormeister Norman Weßling festgestellt. Es sei eine schöne Bestätigung, von Gästen aus Berlin oder München zu hören: ‘So etwas hätten wir auch gerne’. Das ist das Ergebnis harter Arbeit und einer ausgeprägten Leidenschaft für den Beruf. „Handwerk hat goldenen Boden“, zitiert der Handwerksunternehmer den klassischen Spruch. Und ergänzt: „Das gilt mehr denn je. Man kann auf Handwerk immer aufbauen, in alle Richtungen, auf allen Ebenen. Diese Perspektive wird zu wenig wahrgenommen.“

Er stellt ein Imageproblem fest, das er mit dafür verantwortlich macht, dass die Branche händeringend nach Auszubildenden sucht. Zwar weise die Ausbildungsstatistik für 2015 mit 59 Auszubildenden einen leichten Anstieg der Zahlen im Konditorenhandwerk aus (plus 1,18 Prozent) im Vergleich zum Jahr davor aus. Bei den Fachverkäuferinnen gingen die Zahlen aber deutlich zurück: um 16,36 Prozent (134) – auch zu wenig angesichts von 3088 Fachbetrieben mit insgesamt 68 200 Beschäftigten (Stand 30. Juni 2016).

Der gebürtige Bottroper hat zwei Ausbildungsstellen zu vergeben und sucht seit Jahren. Er selbst hat bis zur Selbstständigkeit in Lüdenscheid viele Aus- und Weiterbildungsschritte absolviert. Sein Lebenslauf ist lang und gefüllt mit besten Adressen – vom Düsseldorfer Sterne-Restaurant „Victorian“ über das Mainzer Hilton bis hin zu prägenden Jahren in der Schweiz oder als Produktentwickler im Großbetrieb. Er kennt alle Facetten, aber er schätzt das Familiäre, den Handlungsspielraum und die Selbstbestimmung im eigenen kleinen Betrieb: „Wir sind hier ein sehr junges Team, sprechen alle eine Sprache.“

Seit ein paar Jahren mit im Team ist Agnes Fechtenkötter. Die junge Konditorin stammt aus Rheinland-Pfalz. Ein Kurs fehlt ihr noch, dann hat sie den Meisterbrief in der Tasche. Ein Praktikum nach der Realschule habe sie fasziniert, erzählt sie. Bereut hat sie ihre Wahl nie, sie schätzt die angenehmen Arbeitszeiten und die immer neuen Herausforderungen: „Man lernt nie aus.“ Dass der Chef Leistungen honoriert, nach jedem Ausbildungsjahr externe Förderungen anbietet und nach dem Abschluss eine Übernahme – das reizt und gibt Perspektiven.

Das kleine Reich von „Lüdenscheids Tortenkönig“, das der Varta-Führer bereits 2013 begeistert erkundete, wird sich auch erweitern, so ist der Plan. „Doch das ist ein organischer Prozess“, sagt der hoch Gelobte vorsichtig, und verweist wieder auf die notwendige personelle Unterstützung, die er auch dafür braucht: „Man sollte sich schon fürs nächste Jahr bewerben.“ Denn: „Die Ausbildung im Handwerk ist ein Türöffner, keine Sackgasse.“

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