Angeklagter betrunken vor Gericht

„Lassen Sie mich noch einmal laufen“

Lüdenscheid - Gut betankt kam ein 50-jähriger Angeklagter ins Amtsgericht Lüdenscheid. Amtsrichter Thomas Kabus roch und sah die Bescherung und fragte nach der Menge. „Eine Flasche Korn oder so“, erwiderte der Angeklagte.

„Geschieden?“, lautet eine der Fragen des Richters, um die Personalien zu klären und die Verhandlungsfähigkeit zu testen. „Gott sei Dank – seit 30 Jahren“, ist eine recht klare Antwort, auch wenn Kommentare an dieser Stelle eines Strafverfahrens eher ungewöhnlich sind. Zur Klärung der Verhandlungsfähigkeit wendet sich der Richter an eine Betreuerin des Angeklagten. „Dieser Pegel ist außergewöhnlich hoch“, erklärt sie und weiß noch mehr: „Manchmal ist er durchgeknallt, manchmal ist er lieb – der liebste Mensch auf der Welt.“

Dennoch muss die Anklage verlesen werden: Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte. „Darf ich die Augen zumachen?“, fragt der Angeklagte und erklärt: „Ich habe Angst, dass mein Richter mich heute in den Knast steckt.“ Ein genervter Polizeibeamter berichtet von der Randale, die der damals ebenfalls betrunkene Angeklagte in der Silvesternacht in seiner Wohnung veranstaltet hat. Von Beleidigungen und fliegenden Fäusten, die die Beamten glücklicherweise nicht trafen. „Aggressiv und uneinsichtig“ sei der Angeklagte gewesen, bevor man ihn fixierte.

„Ich entschuldige mich bei dir“, sagt er zu dem Polizisten. „Ich entschuldige mich bei Ihnen“, korrigiert die Staatsanwältin. „Das habe ich doch gesagt“, behauptet der Angeklagte: „Ich habe mich bei ihm entschuldigt.“ Dem Polizisten sind die Details egal: „Ich habe keine Lust, in ein paar Tagen wieder bei dir aufzulaufen“, verzichtet er ebenfalls auf förmliche Anreden. Der Angeklagte läuft zu großer Form auf: Er siezt nicht nur den Richter, sondern auch die Vertreterin der Anklage: „Frau Staatsanwältin, tun Sie mir einen Gefallen – lassen Sie mich noch einmal laufen!“

Kabus vertagte die Sitzung schließlich. Zur Fortsetzung soll eine gutachterliche Stellungnahme klären, ob Maßnahmen nötig sind zur Wahrung des öffentlichen Friedens. Denkbar ist die Unterbringung in einer Alkoholentziehungsanstalt.

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