Landgericht: Ein „weißer Fleck“ auf dem Stadtplan

Lüdenscheid - Es bleibt ein mühsames Geschäft für die Richterinnen, die Hintergründe und den Hergang der Schießerei am 3. September 2015 in dem Wettbüro am Rathausplatz zu rekonstruieren. Auch die jüngsten Zeugenaussagen liefern eher verstreute Puzzleteile als ein rundes Gesamtbild über die mögliche Verantwortung des Hauptangeklagten Murat S. für das Geschehen.

Doch an der Rolle, die der 37-jährige Automatenaufsteller in der Gastroszene der Innenstadt gespielt hat, gibt es immer weniger Zweifel. Auch der Partner des Wettbüro-Inhabers, der am Dienstag ausgesagt hat, ein 50-jähriger Grieche, lässt kein gutes Haar an dem glatzköpfigen Kaufmann. „Murat wollte den ganzen Rathausplatz kontrollieren, der wollte überall der Chef sein.“

Aber die Branchenkollegen, die dem Druck des 37-Jährigen nachgegeben und seine Automaten in ihren Läden aufgestellt haben, „hatten hinterher nur Probleme“, so der Zeuge. Niemand sei ihn wieder losgeworden. Es habe keine Verträge gegeben, nur mündliche Vereinbarungen. „Wo der einmal drin steckt, geht er nicht wieder raus.“

Doch das Wettbüro am Rathausplatz war offenbar noch ein „weißer Fleck“ auf dem Stadtplan des Angeklagten. Angst, behauptet der Zeuge, habe er nicht vor Murat. Gleichwohl hat er einen kantigen Kampfsportler bei sich zu Hause einquartiert. „Meine Frau hat große Angst vor Murat und seinen Leuten. Sie will sich scheiden lassen, wenn ich hier nicht weg gehe.“

Selbst geschossen hat der Hauptangeklagte am 3. September offenbar nicht. Die Behörden gehen davon aus, dass einer seiner Gefolgsleute die Waffe gezückt und abgedrückt hat. Ein ehemaliger Kellner in dem Wettbüro – er hatte gerade Dienstbeginn – erinnert sich eher bruchstückhaft an die Ereignisse. Murat und sein damaliger Vertrauter, der Mitangeklagte Murat Yasin H., seien plötzlich in den Laden gekommen und hätten „einen Türken da rausgeholt“. Der Ex-Kellner kennt den Automatenaufsteller nach eigenen Worten seit 20 Jahren und wusste: „Es gibt Stress, man konnte es riechen, es lag in der Luft.“ Der Mann mit der Pistole, Serdar A., habe sich im Eingangsbereich aufgehalten, wo er wenig später den Schuss abgab.

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Aus Gründen, die bislang noch nicht öffentlich erörtert wurden, hat die Justiz das Verfahren gegen den Pistolenschützen abgetrennt. Die Staatsanwaltschaft hat ihn angeklagt, verhandelt wird gegen ihn demnächst vor dem Erweiterten Schöffengericht in Lüdenscheid.

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