Landgericht: Ein überaus zähes Unterfangen

Lüdenscheid -  Ein 37-jähriger Kaufmann aus Lüdenscheid und drei mutmaßlich Komplizen, darunter seine Schwester, sollen sich zu einer Bande zusammengeschlossen haben, um Gastronomen um Schutzgeld zu erpressen. Laut Staatsanwaltschaft haben sie sich der Hilfe von Mitgliedern der berüchtigten Rockergang „Hells Angels“ bedient.

Es ist ein überaus zähes Unterfangen, Licht ins Dunkel um die Angeklagten zu bringen. Am dritten Prozesstag scheint die 4. große Strafkammer keine Hoffnung zu haben, das Verfahren wie geplant im Spätherbst beenden zu können. Die Suche nach Prozessterminen im Dezember und Januar hat bereits begonnen.

Das liegt unter anderem daran, dass Freunde, Bekannte und mutmaßliche Handlanger des Hauptangeklagten sich mehr als zugeknöpft geben – was die Beweisführung erschwert. Auf die Frage, woher er den angeblichen Rocker auf der Anklagebank kennt, sagt einer der Zeugen: „Die Welt ist klein.“ Was er in der Nähe eines bestimmten Cafés in Hohenlimburg gewollte habe, fragt die Richterin. „Ich war spazieren, ist das verboten?“ Die Richterin: „Ich stelle hier die Fragen.“

Ein weiterer Zeuge wird wie jeder andere auch darüber belehrt, dass er schweigen darf, wenn er sich selbst oder einen nahen Angehörigen bei wahrheitsgemäßer Beantwortung von Fragen selbst belasten müsste. Seine Reaktion: „Dann sage ich nichts mehr.“ Dessen Bruder antwortet: „Ich möchte keine Angaben machen.“ Der nächste wird nach einem Telefonat mit einem der Angeklagten befragt. Seine Antwort: „Kann sein!“ Die Sprache kommt auf das ominöse Café. „Dazu sage ich nichts.“ Der Bruder des 23-Jährigen auf der Anklagebank tritt in den Zeugenstand und sagt: „Ich mache keine Angaben.“ Staatsanwalt Bussmann schaut etwas frustriert drein.

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Seine Hoffnungen auf den Auftritt eines angeblichen Opfers der Beschuldigten und damit mehr Aufklärung und Bestätigung der Anklagepunkte erfüllt sich auch nicht großartig. Im Zeugenstand sitzt der 48-jährige Gastwirt des Cafés.

Er hatte am 15. Juni bereits aussagen sollen, doch war nicht erschienen. Zunächst war es angeblich ein plötzlich und schmerzhaft abgebrochener Zahn, der ihn an einer Aussage hinderte. Stunden später lieferte er ein Attest vom Hausarzt nach, in dem von einer „schweren psychischen Dekompensation“ die Rede war. Als er dann doch auftauchte, gab er vor, nicht verhandlungsfähig zu sein.

Richterin Heike Hartmann-Garschagen beauftragte kurzerhand den Bochumer Nervenarzt und Psychiater Dr. Pedro Faustmann mit der Untersuchung des Zeugen. Der bescheinigte dem Probanden „keinerlei Anhaltspunkte für eine Erkrankung“ und „keine psychische Störung“. Nun erscheint der wichtige Belastungszeuge mit anwaltlichem Beistand und gewährt der Öffentlichkeit zögerlich einen Einblick in die Welt der Cafés, Wettbüros und Spielautomaten. 

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