Landgericht: Scharmützel im Saal 201

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Die Reihe der Verteidiger, hier mit ihren Mandanten, erschwert dem Gericht eine ruhige Verhandlungsführung.

Lüdenscheid - Richterin Heike Hartmann-Garschagen ist eine zierliche Frau mit nicht gerade kräftiger Stimme. Und wenn sie mit ihrer kleinen Hand flach aufs Richterpult patscht und „Ich rede jetzt“ ruft oder einen der Verteidiger mit dem Tadel „Sie fallen mir schon wieder ins Wort“ bedenkt, dann müsste augenblicklich Ruhe einkehren im Saal 201 des Hagener Landgerichts.

Das meint Staatsanwalt Axel Noelle, wenn er „Achtung vor der Würde des Gerichts“ anmahnt (wir berichteten). Doch die Rechtsanwälte denken offensichtlich keinen Augenblick daran, sich in ihre Schranken weisen zu lassen.

Es sind diese zahllosen Kleinigkeiten, die die Vertreterinnen der Kammer möglicherweise mürbe machen sollen. Nicht Hartmann-Garschagens Beisitzerinnen, geschweige denn die beiden ehrenamtlichen Schöffinnen, springen ihrer Vorsitzenden in Konflikten mit der Schlachtreihe der zeitweise neun Rechtsanwälte bei. Die Verteidiger spielen verstärkt auf Angriff.

Die Ausnahme bilden Julia Kusztelak, Iserlohn, und ihr Kollege Dr. Lutz Klose aus Bielefeld. Sie vertreten Murat Yasin H., den einstigen Gehilfen des 37-jährigen Hauptangeklagten. Und der hat bereits ein weitgehendes Geständnis abgelegt – und dabei seinen ehemaligen Gönner und Freund deutlich belastet. Seine Verteidiger haben kaum noch Anlass, die Attacken der Kollegen auf die Vorsitzende Richterin mitzureiten.

Ingo Thiée aus Bonn, Rechtsanwalt von Filiz S., hört sich beispielsweise äußerlich ungerührt rund zehn Mitschnitte von Telefonaten an, um dann in aller Seelenruhe zu verkünden: „Von diesen Gesprächen wusste ich nichts. Wir konnten uns nicht vorbereiten.“ Er fühle sich durch die Kammer in der Verteidigung „etwas behindert“.

Seine Mitverteidigerin, Dörthe Klemens aus Düsseldorf, stimmt lautstark mit ein, reckt wie so oft einen Zeigefinger zur Saaldecke und beantragt die „vollständige Verschriftlichung“ der im Gerichtssaal abgespielten Telefongespräche. Währenddessen versucht Heike Hartmann-Garschagen, ihre Regie im Hinblick auf die Rangfolge des Fragerechts zu erklären, wird dabei aber von dem Dortmunder Rechtsanwalt Dieter Kaufmann, Verteidiger von Murat S., wiederholt unterbrochen.

Bevor die Vorsitzende darauf angemessen reagieren kann, ruft Dörthe Klemens wieder dazwischen. Auf einen Einwand der Richterin sagt sie: „Das ist das erste Mal, dass ich heute den Mund aufmache.“ Worauf Hartmann-Garschagen bitter lächelnd erwidert: „Das glauben Sie doch selber nicht.“

Zuvor war immerhin Staatsanwalt Axel Noelle der Richterin mit der „Achtung vor der Würde des Gerichts“ zur Seite gesprungen, worauf Dieter Kaufmann lautstark argwöhnte: „Ist das jetzt der Schulterschluss zwischen Staatsanwaltschaft und Gericht?“ Der langhaarige Verteidiger droht der Vorsitzenden vergleichsweise unverhohlen. „Wenn das hier so weiter geht“, habe er „nicht mehr das Gefühl, dass die Kammer das Verfahren leitet. Dann stelle ich entsprechende Anträge“.

In die Scharmützel um die Autorität der Vorsitzenden hinein stellt Dr. Lutz Klose in ruhigem Ton den Antrag, den Haftbefehl gegen seinen Mandanten gegen Auflagen außer Vollzug zu setzen. Doch da ist es um die Stimmung im Saal 201 längst geschehen. Über den Antrag werde „bestimmt nicht morgen früh“ entschieden, sagt die Vorsitzende.

Der Prozess wird am Donnerstag um 9.30 Uhr im Saal 201 des Landgerichts Hagen fortgesetzt.

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