Landgericht: "Merkwürdige Geschichte" um Cappuccino-Mörder

Lüdenscheid - Der kleine Junge, der mutmaßlich Opfer sexueller Begierden des „Cappuccino-Mörders“ Guido W. wurde, muss nicht vor Gericht aussagen. Das Geständnis des Angeklagten, ein psychologisches Gutachten über das Kind sowie dessen Aussage bei der Polizei lassen die „persönliche Einvernahme“ des Zeugen als „nicht geboten“ erscheinen, sagt Richter Marcus Teich.

Stattdessen befasst sich die 1. große Jugendkammer am Landgericht Hagen mit einer „etwas merkwürdigen Geschichte“, so der Richter. Im Zeugenstand sitzt ein 20-jähriger Gebäudereiniger. Er hat im „Young Gay Chat“, einem Internet-Forum für junge Homosexuelle, seine eigenen Erfahrungen mit Guido W. gemacht. 

Augenscheinlich tauschte sich der Mann mit einer Reihe von Gleichgesinnten aus. „Es ging um dies und das“, erinnert er sich – „Schule, Internat, Stress mit Eltern und so“.

Aber egal, ob der Gebäudereiniger mit „Tim“, „Finn“, „Chain“, „Luca“ oder „Luis“ aus München, Kanada oder den Niederlanden hin und her schrieb – stets verbarg sich nach Erkenntnis der Justiz der 55-jährige Angeklagte dahinter. Der Zeuge: „Ich dachte, ich habe es mit verschiedenen Menschen zu tun.“ 

Er habe „nicht vermutet, dass da eine und dieselbe Person hintersteckt“. Sogar in einem Gruppen-Chat mit fünf Partnern gleichzeitig habe ausschließlich W. geschrieben. „Das ist schon eine Leistung.“ 

Lesen Sie hier mehr rund um den Prozess gegen Guido W.

Einem angeblich leukämiekranken Jungen schickte er auf Bitte dessen angeblichen Vaters ein Päckchen. Es gab weder den sterbenskranken Jungen noch dessen Vater – „das Päckchen sollte ich an einen Guido W. in Iserlohn senden“.

Eine Mutter aus der ehemaligen Nachbarschaft des Häftlings berichtet von gemeinsamen Ausflügen mit den Kindern. „Aber ich fühlte mich von ihm manipuliert.“ Als er eine Radtour mit ihrem fünfjährigen Sohn unternehmen wollte, habe sie das abgelehnt. „Am selben Abend wurde mir mein Fahrrad geklaut.“

Guido W. schweigt weiter. Fragen, die das Gericht noch hat, nehmen die beiden Verteidiger entgegen. Sie wollen mit ihrem Mandanten reden und die Fragen dann beantworten. Inzwischen gibt es einen weiteren Vorgang: Die Polizei hat die Festplatten und Speichermedien aus W.s Computern ausgewertet. Die Staatsanwaltschaft wird die Daten ans Gericht weiterleiten.

Der Prozess wird am Dienstag um 9 Uhr im Saal 201 des Landgerichts fortgesetzt.

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