Drei schweigen, einer redet

Landgericht: Auftakt im Prozess gegen mutmaßliche Schutzgelderpresser

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Vor Saal 201 des Hagener Landgerichts mussten sich Zuschauer ausweisen und einer Leibesvisitation unterziehen.

Hagen/Lüdenscheid - Metalldetektoren, Ausweiskontrollen, Taschendurchsuchungen, Polizeipräsenz – der Auftakt im Prozess gegen eine Bande mutmaßlicher Schutzgelderpresser, die laut Staatsanwaltschaft vor allem in Lüdenscheid Geschäftsleute eingeschüchtert und unter Druck gesetzt hat, hat am Landgericht Hagen weniger Zuschauer und Medien angezogen als erwartet. Auch der befürchtete Auftritt der Rockergang „Hell’s Angels“ blieb aus. Am ersten Verhandlungstag blieben drei der vier Angeklagten stumm.

Nach Überzeugung von Staatsanwalt Axel Noelle hat die Bande mindestens ein Jahr lang Angst verbreitet und schreckte auch vor brutaler Gewalt nicht zurück, um sich zu bereichern. Vor allem ausländische Cafébetreiber oder Inhaber von Wettbüros und Spielhallen wurden laut Anklage zum Ziel mafiöser Verbrechen.

So soll der mutmaßliche Bandenchef – ein 37-jähriger Lüdenscheider, der als Beruf Kaufmann angibt – Gastwirten und Automatenbetreibern gedroht haben, ihren Laden zu „zerlegen“, wenn sie nicht bezahlen. In einem Fall forderte er laut Staatsanwaltschaft 38.000 Euro, in einem anderen 10.000 Euro. Dabei habe er sich mit zwei eindeutig als „Hell’s Angels“ erkennbaren Männern umgeben und sein Opfer gefragt: „Weißt du, mit wem du dich hier anlegst?“. Mal ließ er sich demnach eine mehr als 1000 Euro hohe Getränkerechnung bezahlen, mal veranlasste er einen seiner Gläubiger, auf die Rückzahlung von fünfstelligen Summen zu verzichten, die sie ihm geliehen hatten.

Acht Strafverteidiger

Die vier Angeklagten treten mit acht Strafverteidigern auf. Doch weder der 37-Jährige noch seine Schwester (30) sind derzeit vor Gericht zu einer Aussage bereit. Auch der 42-jährige Kölner, der unter Verdacht steht, den „Angels“ anzugehören, macht von seinem Schweigerecht Gebrauch. Ebenso eine andere Schwester sowie die Ehefrau des 37-jährigen, die als Angehörige im Zeugenstand ein Aussageverweigerungsrecht haben.

Aussagen zum Schuss am Rathausplatz

Doch der Jüngste der Beschuldigten berichtet von dem Geschehen, bei dem am 3. September in einem Wettbüro am Rathausplatz ein Schuss gefallen ist und mehrere Personen festgenommen wurden. Der 23-Jährige war an diesem Tag mit dem mutmaßlichen Bandenchef unterwegs, mit dem zusammen er ein Café in der Altstadt eröffnet hatte. Und mit einem weiteren Mann, der bewaffnet gewesen sei. Der habe in dem Wettbüro geschossen – und gilt nach seiner Flucht als unauffindbar.

Dass sein älterer Freund in Schutzgeldangelegenheiten verstrickt war, davon wisse er nichts, sagt der 23-Jährige. Aber der Inhaber des Wettbüros, „der kam mir ängstlich vor“.

Der Prozess wird am 15. Juni um 9.30 Uhr fortgesetzt.

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