Landgericht: Der „Cappuccino-Mörder“ schweigt

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Justizbeamte bringen den gefesselten Angeklagten Guido W. zu seinen Verteidigern in den Gerichtssaal.

Lüdenscheid - Er kennt diesen Gerichtssaal. Vor 20 Jahren verurteilte ihn das Schwurgericht hier wegen des sogenannten Cappuccino-Mordes. Im März ‘15 wurde die Strafe erlassen. Jetzt sitzt der 55-Jährige Lüdenscheider, nun wohnhaft in Iserlohn, wieder hier – diesmal wegen des Vorwurfs des schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern.

Ihm droht eine Freiheitsstrafe von bis zu sieben Jahren. Möglicherweise wird er aber wegen seiner pädophilen Neigungen auch hinter den Mauern einer Psychiatrie verschwinden.

Fünf Justizbeamte bringen Guido W., mit Fußfesseln und Handschellen fixiert, in Saal 201 des Landgerichts Hagen. Der Angeklagte kann nur Tippelschritte gehen und verbirgt sein Gesicht hinter einem Aktendeckel. Die Pappe bebt, der Häftling zittert am ganzen Körper. Die Stimmung im Saal ist bedrückend.

Staatsanwalt Michael Burggräfe verliest die Details der Anklage. Demnach geschah es in der Wohnung des Beschuldigten. Er habe den Jungen (9) entkleidet, heißt es – und Oralverkehr an ihm vollzogen. In zwei Fällen. Die beiden Verteidiger, die Rechtsanwälte Felix Reisner aus Iserlohn und Rene Litschner aus Hagen, haben ihrem Mandanten empfohlen, keine Aussage zu machen – und bitten die Juristen um ein Rechtsgespräch abseits der Öffentlichkeit.

Marcus Teich, Vorsitzender Richter der 1. großen Jugendkammer, berichtet anschließen öffentlich darüber. Danach haben die Verteidiger die möglichen Rechtsfolgen ausloten wollen. Eine endgültige Einschätzung sei aber nicht möglich, so Teich.

Es gebe lediglich eine „grobe Einschätzung“. Nach der kann derzeit weder die Notwendigkeit der Unterbringung in der Psychiatrie noch eine eingeschränkte Schuldfähigkeit festgestellt werden. Denn W. hat es abgelehnt, sich untersuchen zu lassen. Der Richter: „Nach vorläufiger Einschätzung kommt ein Strafrahmen zwischen vier und sechs Jahren in Betracht.“ Eine endgültige Festlegung werde auch durch das Verhalten des Angeklagten während des Prozesses bestimmt. Staatsanwalt Burggräf sieht es ähnlich, steigert aber auf sieben Jahre. Die Verteidiger bleiben dabei: „Heute keine Einlassung.“

Stattdessen sagen Zeugen aus. Eine Polizistin berichtet, dass W. sie angerufen und sich als pädophil bezeichnet habe. „Er sagte, er stehe unter Druck und habe einen kleinen Jungen im Visier, er brauche Hilfe und sei eine Gefahr für das Kind.“ Einen Tag später ist W. wieder auf freiem Fuß. Eine Woche später vergreift er sich zum zweiten Mal an dem Neunjährigen.

W.s Ex-Freundin, Mutter eines zehnjährigen Jungen, sagt, ihr Freund habe sich liebevoll um ihren Sohn gekümmert. Sonst wisse sie nichts. Ihr kleiner Junge erinnert sich jedoch im Zeugenstand daran, wie er vom Angeklagten „angefasst“ wurde. Und der angebliche Ziehsohn des Häftlings, heute 35 Jahre alt und Vater zweier Söhne, bezichtigt W. ebenfalls sexueller Übergriffe.

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