Landgericht: Alte Erinnerungen ausgegraben

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Lüdenscheid - Die Systematik des Angeklagten bei der Annäherung an kleine Jungs zu erkennen und offenzulegen – das ist eine Aufgabe, auf deren Erledigung die 1. große Jugendstrafkammer am Hagener Landgericht viel Zeit verwendet. Dabei rücken Vorgänge, die in dem Mordprozess vor 20 Jahren noch eine Nebenrolle spielten, zunehmend in den Fokus der Richter. Nachdem am ersten Verhandlungstag der vermeintliche „Ziehsohn“ Guido W.s im Zeugenstand war (wir berichteten), sagen jetzt dessen Mutter und Schwester aus.

Wie sich herausstellt, hat sich der Angeklagte schon damals sozial labile Familien mit kleinen Söhnen ausgesucht, sich das Vertrauen der Eltern erschlichen, bis sie ihm die Kinder überließen – und sich dann an seinen kleinen Opfern vergangen. Die 62-jährige Arbeitslose sagt: „Ich kann mich nicht mehr an viel erinnern. Und das will ich auch gar nicht.“ Doch der Vorsitzende Richter Marcus Teich ist ein behutsamer und zugleich hartnäckiger Sucher. Stückweise entlockt er der Zeugin die Geschichte.

Demnach hat sie Anfang der 90er-Jahre Probleme. Ihr Mann prügelt sie und die drei Kinder. Ihr Sohn lernt Guido W. kennen. Der hilft ihr, sich von dem gewalttätigen Kerl zu trennen und bringt sie und die Kinder zunächst in ein Frauenhaus. „Später sind wir dann zusammengezogen.“ Der Richter fragt die 62-Jährige nach der Art der Beziehung zu Guido W., sie antwortet: „Es gab keine Beziehung, wir hatten getrennte Schlafzimmer.“

Sie hatte „so’ne Ahnung“, sagt sie, dass der große Gönner sich an ihrem Sohn vergreift. Urlaube der beiden, gemeinsame Wochenenden, „das war schon alles komisch“. Auch die regelmäßigen mehrstündigen Besuche des Jungen in Guidos Schlafzimmer. Als sie ihn darauf anspricht, reagiert er scharf. „Er drohte mir an, mir meinen Ausweis wegzunehmen und mich aus der Wohnung zu entfernen.“

Auch die blutige Beschneidung des Jungen kommt zur Sprache. Sie erinnert sich: „Wir kamen vom Einkaufen nach Hause, da war im Badezimmer alles voller Blut, aber die beiden waren weg.“ Der Angeklagte habe nach der Rückkehr aus dem Krankenhaus erzählt, das sei beim Jonglieren mit einem Messer passiert. „Guido ist ein wunderbarer Geschichtenerzähler, der dreht alles so, dass du hinterher glaubst, du bist Schuld an allem.“

Ihre Tochter, heute 41 Jahre alt, bestätigt ihre Angaben. Auch, dass der Junge oft in Guidos Zimmer war. Und dass sie Fotos entdeckt hat: ihr kleiner Bruder in Reizwäsche. „Als ich dahintergekommen bin, was da läuft, hat er mich rausgeschmissen.“ Wenig später vergiftet Guido W. seine Arbeitskollegin mit Blausäure im Cappuccino und wird inhaftiert.

Der Prozess wird am Dienstag ab 9 Uhr im Saal 201 fortgesetzt.

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