KZ-Überlebende schildert im Kulturhaus den Nazi-Terror

Lüdenscheid - Demütigungen durch Mitschüler, Deportation ins KZ, Todesangst und die Ermordung der eigenen Mutter im Lager – Erna de Vries hat die Hölle auf Erden erlebt, entging selbst dem Tod im Konzentrationslager nur mit Glück. Verbittert zeigte sich die mittlerweile 92-Jährige bei ihrem Auftritt im Kulturhaus dennoch nicht.

Angesichts der Dimension des nationalsozialistischen Terrors ist sie aber sicher: „Ein Schlussstrich ist unmöglich.“ So steht es in ihrer Autobiographie. Der Lüdenscheider Gedenkzellen-Verein hatte die KZ-Überlebende in die Bergstadt eingeladen. Ein großer Wurf – Zeitzeugen wie de Vries gibt es nur noch wenige. Der Andrang an diesem Abend sprengte die Erwartungen der Veranstalter jedenfalls deutlich. Rund 200 Besucher waren im Kulturhaus erschienen, darunter Bürgermeister Dieter Dzewas und viele Jugendliche. 

Bereits zwei Stunden zuvor hatte es ein Gedenk-Treffen auf dem jüdischen Friedhof am Ramsberg gegeben. Auch hier war de Vries dabei. Den Kontakt zu der bundesweit gefragten Gastrednerin, die aus Kaiserslautern stammt und heute im Emsland lebt, hatten der Lüdenscheider Dr. Helmut Ebertz und seine Familie hergestellt. Ebertz ist stark im Gedenkzellen-Verein engagiert. 

In freier Rede berichtete Erna de Vries dem Publikum zwei Stunden lang über die Vorgänge von einst. Der Titel ihres Vortrags: „Im Auftrag meiner Mutter“. Rückblende. Bis zur Machtübernahme durch die Nazis verläuft das Leben der jungen Erna – 1923 als Tochter eines Christen und einer Jüdin geboren – weitgehend in geordneten Bahnen. Ihr Vater allerdings stirbt bereits 1931. Nach 1933 aber wird alles anders. Bis dato unauffällige Zeitgenossen mutieren zu Schlägern und Judenhassern. In der Schule wird sie nicht mehr akzeptiert. Von Lehrern und Mitschülern muss sie das hören: „Wir wollen hier keine Juden.“ Spielkameraden, angestachelt von ihren Eltern, wenden sich ab. Erna de Vries zur damaligen Situation: „Ich habe gelitten.“ 

Und die Katastrophe steigert sich. 1938 brennen die Synagogen, Geschäfte werden verwüstet. 1943 dann die Horror-Nachricht.: Die Mutter soll nach Auschwitz. Erna könnte als Mischling diesem Schicksal entgehen. Doch sie verlässt die Mutter nicht. Heute sagt sie: „Ich hatte solche Angst um meine Mutter.“ So kommen beide Frauen ins Vernichtungslager. Die Verhältnisse sind unvorstellbar, menschliche Niedertracht und die Angst vor der Vergasung allgegenwärtig. Die Wachen misshandeln die Häftlinge ständig. „Unser Essen bestand aus gekochten Kartoffelschalen“, erinnert sich de Vries. 

Die Mutter wird schließlich in Auschwitz ermordet. Erna wird ins KZ Ravensbrück verschleppt und kommt mit dem Leben davon. Bei einer letzten Begegnung in Auschwitz verabschiedet die Mutter ihre Tochter so: „Du wirst überleben und erzählen, was man mit uns gemacht hat.“

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