Spielsüchtiger hatte 77-Jährige überfallen

Keine Chance auf vorübergehende Freilassung

Lüdenscheid/HAGEN - Weil er eine 77-jährige Rentnerin am Bräuckenkreuz überfallen hatte, verurteilte das Amtsgericht Lüdenscheid am 3. März 2016 einen 27-jährigen Angeklagten zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und zwei Monaten. In einer Berufungsverhandlung vor dem Landgericht bemühte er sich um eine vorübergehende Freilassung zwischen der immer noch andauernden Untersuchungshaft und seinem regulären Haftantritt.

Doch daraus wurde nichts: Die noch zu verbüßenden fast drei Jahre Haft – bedingt durch eine weitere vorangegangene Verurteilung – seien ein möglicher Fluchtanreiz, erklärte der Vorsitzende Richter Dieter Krause nach Beratung mit den Schöffen. Der Angeklagte nahm seine Berufung daraufhin zurück.

Der Fall hatte Empörung ausgelöst. Am 19. Oktober 2015 hatte der spielsüchtige Mann sein eigenes Geld verzockt. Nach dem Verlassen der Spielhalle war er zufällig dem Opfer begegnet, das seine Handtasche über den Bügel des Rollators gehängt hatte. Er sprach sie an, fragte zum Schein nach dem Weg zum Krankenhaus und erhielt eine sehr freundliche Antwort von der hilfsbereiten Seniorin. An dieses Detail hatte er sich im Amtsgericht unter Tränen erinnert. Das Schöffengericht kam zu dem Ergebnis, dass er sein Opfer absichtlich zu Boden gebracht hatte, um in den Besitz ihrer Handtasche zu gelangen. 30 Euro waren die magere Beute, die er sofort wieder in der Spielhalle verzockte. Dort konnte er kurze Zeit später vorläufig festgenommen werden. Für die Seniorin hatte der Überfall schlimme Folgen: Nach einem Unterarmbruch musste sie einen Tag später operiert werden. Nach der langwierigen und mühsamen Genesung, konnte sie ihren Alltag nur schwer bewältigen. Angst vor neuerlichen Überfällen veranlassten sie, kaum noch vor die Tür zu gehen. „Sie hat ziemlich darunter gelitten. Das hat sie sehr mitgenommen“, fasste ihr Rechtsbeistand Dominik Petereit diese Situation gestern zusammen.

Der Angeklagte warf das Büßerhemd an: „Ich habe jeden Tag gedacht, ‚was habe ich gemacht?’. Ich denke jeden Tag an die gute Frau.“ Nun wolle er sein Leben in den Griff kriegen und „arbeiten, mein Bestes tun, damit alles wieder gut wird“. Seine Strafverteidigerin Julia Kusztelak, der völlig klar war, dass am Strafmaß nicht zu rütteln und eine mögliche Bewährung in unerreichbarer Ferne war, nannte das Ziel der Berufung: „Es geht darum, dass er bis zum Antritt der Haftstrafe freigelassen wird.“

Den Vorsitzenden Richter bewegte vor allem eine Frage: „Was ist mit der Spielsucht?“ Der 27-Jährige solle sich dringend darum bemühen, diese während der Haftzeit therapieren zu lassen. Und ansonsten gelte: „Wenn Sie gut laufen, kommen Sie auch in den offenen Vollzug.“

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