„Wir essen jetzt, Opa!“

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Jürgen von der Lippe versuchte sich zum Schluss mit seine Handpuppe Horst als Bauchredner.

Lüdenscheid - Jürgen von der Lippe, Entertainer, Sänger, Buchautor und war schon häufiger in Lüdenscheid. Zuletzt füllte er an zwei Tagen hintereinander den großen Saal des Kulturhauses. Nun also mit einer Lesung. Vor vollem Haus, wenn man mal von einzelnen Sitzplatzlücken absieht. Hunderte erwartungsfroher Fans applaudieren, als der Altmeister die Bühne betritt. Nichts weiter als ein mit Dekostoff umhüllter Lesetisch steht darauf.

„Beim Dehnen singe ich Balladen“ heißt das Werk, aus dem der Entertainer gleich vorlesen wird. Ganz so neu ist das Buch nicht, erschien es doch bereits im Januar 2015 im Knaus-Verlag. 224 Seiten unzusammenhängende, mehr oder weniger kurze Geschichten, mit denen sich Jürgen von der Lippe sein Taschengeld aufbessert. Er ist auf Promo-Tour, will sein Buch verkaufen. Der Bücherstand im Kulturhausfoyer ist gut bestückt. Das ist legitim, das machen andere auch.

Doch was in Erinnerung bleibt von einem gut zweieinhalbstündigen Vorleseabend, hat einen schalen Nachgeschmack. Ein klassischer „Von-der-Lippe“: Je länger der Abend dauert, desto zotiger werden die Geschichtchen, die Sprüche, die Witze. Es scheint fast so, als habe der Humorist all seine Gedanken in den Genitalbereich gegossen getreu dem Motto „Sex sell’s“ (Sex verkauft sich gut). Schal aber auch deshalb, weil sich das Volk lachend auf die Schenkel schlägt, nach Taschentüchern kramt, um sich die Lachtränen abzuwischen, je mehr die Witze jenseits der Gürtellinie angesiedelt sind. Kalauer, uralte Antworten auf Quizshow-Fragen, Plattitüden, wenig eloquent und noch weniger geistreich.

Der Einstieg ins Buch nach einer amüsanten Abhandlung verschiedener Formen des Lachens, mit denen der Star des Abends schnell seine Fans auf die sichere Seite holt, ist vergleichsweise harmlos. Mann und Frau im Edelrestaurant, Fünf-Gänge-Menü, aufgesetzte Höflichkeit. Und dann outen sich beide als Mitglieder im „Verband deutscher Eilesser“. Es geht nur noch darum, wer in welcher Geschwindigkeit Zabaglione oder Lachs herunterwürgt. Am Ende – beide tot. Es folgen Geschichten über die Jägersprache, Erektionsstörungen, hässliche Kinder und deren noch hässlichere Mütter, gelangweilte Ehepartner, mit Brennspiritus übergossene Genitalien, die skurrilen Auswüchse eines Heiratsantrages, bei dem sich am Ende der Heiratswillige und sein Ratgeber als schwul outen. Der Ausflug in die Interpunktion: Satzzeichen seien mitunter lebensnotwendig. Das Beispiel: „Wir essen jetzt, Opa!“. Ohne Komma ein fataler Ausgang, vor allem für Opa. Mitunter ist nicht klar erkennbar, ob die gelesene Geschichte schon zu Ende ist oder der Autor nur eine Kunstpause einlegt. Aber Jürgen von der Lippe ist Vollprofi. Er lenkt, nimmt hier und da das Tempo raus, schafft Pausen, siezt sein Auditorium. Bis ins Details ausgefeilt hat er die Interpretation seiner Figuren in Gestik, Mimik und Stimmlage. Das furiose Finale: „Wie versaue ich am besten anderen den Tag, wenn ich selbst schlechte Laune habe?“

Und dann ist er bei der Zugabe wieder da, der alte Entertainer mit dem T-Shirt und dem Vielfach-XL-Hemd darüber. Mit seiner sonoren Stimme. Der Sänger, der zu Recht behauptet: „Lieder sind Erinnerungsträger“. Doch selbst hier wieder mit dem Griff in die unteren Schubladen des Entertainments, denn niemand im Publikum wollte so recht damit raus, welches Lied bei der Entjungferung lief. Trotzdem: Mehr Lieder wären eine schöne Abwechslung zwischen den belanglosen Geschichten des Buches gewesen.

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