Auf der richtigen Seite

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Kam mit einer unglaublich freundlich vorgebrachten Moralpredigt von imposanter Ausdehnung: Hagen Rether.

Lüdenscheid - Schon die Eckdaten eines Abends mit Hagen Rether berichten von einem besonderen Ereignis: 20 Uhr Beginn, 22 Uhr – Ende der Veranstaltung, kündigte die Kulturhaus-Webseite an. Wer den Mann kennt, glaubt das nicht. Der pünktliche Beginn entspricht der Ankündigung und dem eleganten Anzug. „Schönes Theater – asymmetrisch“, freut er sich über den ersten Auftritt in Lüdenscheid.

Etwa nach 90 Minuten, wenn ein Fußballspiel kurz vor dem Abpfiff stünde, ermahnt sich Hagen Rether, die Vorrede zu beenden: „Es ist halb zehn – kommt, wir fangen an!“ Eine Pause braucht er eigentlich nicht: „Sie sagen, wenn Sie eine Pause brauchen?!“ Zwei Stunden sind rum. Nach drei Stunden beginnt der Meister, den wahren Umfang seiner Mission abzuschätzen: „Elf Uhr, ich habe noch nicht mal ansatzweise…“

30 Minuten nimmt er sich noch, um dem Flügel an seiner Seite eine Funktion zu geben: Mit Spiritus der Marke Frosch und einem weichen Tuch rückt er dem Instrument umfassend auf den Lack. Der Lateiner übersetzt das Wort gerne mit „Geist“. Es erklingen ein paar Variationen über „Over the Rainbow“ und Michael Jackson’s „Heal the World, make it a better Place“. Dann erfüllt eine kleine bescheidene Frage den Theatersaal: „Wie machen wir es jetzt – haben Sie eine Idee?“ Das Publikum arbeitet sich daraufhin still an Vorschlägen zur Lösung der Weltprobleme ab.

Wer empfänglich für Moral ist, arbeitet sich noch an einer weiteren Frage ab: „Sind Sie auch so froh, dass Sie auf der richtigen Seite sind?“ Eine Antwort verbietet sich irgendwie. Die Uhrzeiger befinden sich auf der Zielgeraden in Richtung Mitternacht, als die Besucher den klugen Mann mit warmem Applaus verabschieden. Etwa die Hälfte erhebt sich dafür.

Nein, Hagen Rether ist nicht nur ein Kabarettist. Die Berufsbezeichnung passt, wenn er kultiviert Witze über zwei nackte Geistliche erzählt - einen katholischen und einen jüdischen. Oder wenn eine Frau sich beim Anblick eines nackten Mannes daran erinnert, dass sie noch Shrimps kaufen wollte.

Die humorigen Einlagen sind wertvoll – eine Gelegenheit zum Durchschnaufen in einer unglaublich freundlich vorgebrachten Moralpredigt von imposanter Ausdehnung – getränkt mit einem nachdenklich machenden Humor, der allerdings nie zum billigen Schenkelklopfen einlädt. Die Rede von „besorgten Bürgern“ führt heutzutage in ein Wortfeld, in dem sich auch Worte wie „Ausländerhass“ und „AfD“ tummeln. „Die Stimmung ist scheiße“, stellt Hagen Rether fest, schlägt angesichts der regionalen Unterschiede einen „Sächsit“ vor und gibt der Sorge ihre Würde zurück: „Was meinst du, wie besorgt die Flüchtlinge sind?!“ Später schlägt er vor, lieber von „Heimatvertriebenen“ zu sprechen. Wenn da nur nicht das Problem mit den fehlenden Berufsabschlüssen und Facharbeiterbriefen wäre: „Warum kommen die ohne Ausbildung? Machen die sich gar keine Gedanken darüber, was wir hier brauchen?“

Europa braucht Rohstoffe und billige Arbeitskräfte anderswo und schottet sich ab vor den Flüchtlingen aus aller Welt, obwohl die demographischen Kurven stramm nach unten gehen: „Wenn wir schon aussterben, dann wenigstens allein.“

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