Gericht: Deftige Ohrfeige in Imbissbude

Lüdenscheid - Wer Täter ist und wer Opfer, das bleibt für die Justiz ein Rätsel. Nach einer deftigen Ohrfeige und vermeintlichen Faustschlägen und Tritten in einer Imbissbude am Kluser Platz musste halt erst mal jemand angezeigt werden. Dann eben der, der die Polizei gerufen hat und behauptet, dass er angegriffen und schwer verletzt worden sei.

Strafrichter Thomas Kabus ist ein geduldiger Mann – eigentlich. Aber das Geflecht von faustdicken Lügen, Behauptungen und Halbwahrheiten bringt ihn merklich an die Grenze zum Wutausbruch. Der Angeklagte und sein Verteidiger Frank Becker bieten dafür noch den geringsten Anlass.

Der 43-jährige Autolackierer fühlte sich am Abend 3. Mai in dem Imbiss beim Spiel am Automaten von dem 51-jährigen Arbeitslosen zuerst gestört und dann provoziert. Nach ein paar Worten hin und her habe der Mann ihn „am Schlafittchen“ gepackt. „Da habe ich ihm eine geklatscht, und er hat losgelassen.“

Aus Sicht des deutlich kleineren und leichteren Mannes – „Ich saß die ganze Zeit an einem Tisch“ – hat der Lackierer mit Fäusten auf ihn eingeschlagen und vor sein schlimmes Knie getreten. Der Angeklagte: „Ich habe noch nie jemanden mit der Faust geschlagen oder getreten.“ In der Anklageschrift steht etwas von Hieben gegen den Kopf, einem umgebogenen kleinen Finger und einem Kreuzbandriss im Knie. Verteidiger Becker mutmaßt, hier wolle wohl jemand Schadensersatzansprüche geltend machen.

Der Wirt der Imbissbude nennt das mutmaßliche Opfer einen „unangenehmen Gast“. Der sei schon mehrfach negativ aufgefallen und habe auch diesmal wieder einen Streit angezettelt. Die Ohrfeige habe er gesehen und gehört, „von Tritten weiß ich nichts“.

Die Lebensgefährtin des Arbeitslosen – 17 Jahre älter als er – empört sich über den Angeklagten („Wie kann man so was machen, Mensch, ey“) und lässt sich zu einer „Gefälligkeitsaussage“ verleiten, wie der Oberamtsanwalt sagt. Zum Beispiel: „Mein Freund war nüchtern, der hatte nix getrunken.“ In Wahrheit ergab sein Test bei der Polizei einen Wert von 2,7 Promille.

„Wenn man die Wahrheit nicht rauskriegt“, sagt Richter Kabus, „muss man den Angeklagten freisprechen.“

Von Olaf Moos

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