Freispruch im Kulturhaus: Zuschauer erleben packendes Gerichtsdrama

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Major Lars Koch (Christian Meyer) hat einen Befehl missachtet und gegen das Gesetz gehandelt, aber er würde es genauso wieder tun, um Menschenleben zu retten, sagte er auf die Frage von Staatanwältin Nelson (Annett Kruschke).

Lüdenscheid - Die Entscheidung war relativ eindeutig: 163 Schöffen plädierten für „nicht schuldig“, 95 für „schuldig“. Die Schöffen – das waren am Dienstagabend die Zuschauer im Theatersaal des Kulturhauses, die ein packendes Gerichtsdrama erlebten, das jeden einzelnen in die Verantwortung nahm, die Frage nach Schuld und Unschuld für sich selbst zu beantworten, denn das Gesetz stößt an seine Grenzen, wenn die Moral gefragt ist.

Das ist die These, auf der das Stück „Terror“ von Ferdinand von Schirach basiert. In der Inszenierung des „Euro-Studio Landgraf“ verwandelte sich der Theatersaal in einen Gerichtssaal, in dem der Vorsitzende Richter (Johannes Brandrup) die „Schöffen“ zu Beginn über ihre Aufgabe belehrt. Jeder Zuschauer wird Teil der Inszenierung, in der Zeugenvernehmungen und Plädoyers den ersten Teil über mehr als anderthalb Stunden ausmachen, erstklassig und intensiv dargeboten vom gesamten Ensemble. Nach der Pause, in der jeder Schöffe sein Votum abgibt, folgt die Urteilsverkündung – ganz wie im echten Gerichtssaal.

Angeklagt ist Lars Koch, Major der Luftwaffe (Christian Meyer), wegen 164-fachen Mordes. Er hat, entgegen eines ausdrücklichen Befehls, ein Passagierflugzeug abgeschossen, das von Terroristen entführt worden war und in ein Fußballstadion mit 70 000 Menschen gelenkt werden sollte. Die persönliche Komponente bringt die Nebenklägerin (Tina Rottensteiner) ins Spiel, die als Zeugin aussagt: Ihr Mann saß in der Maschine, geblieben ist ihr von ihm nichts als ein Schuh. Dass Koch, die Maschine abgeschossen hat, steht fest, aber rechtfertigt die Rettung vieler Menschenleben die Tötung der Passagiere? Und ist auf dieser Basis ein Freispruch möglich?

Hauptargument der Staatsanwältin (Annett Kruschke): Die Verfassung ist für alle bindend, Recht und Moral müssen getrennt werden. Der Verteidiger (Christoph Schlemmer) kontert, damit gebe es für Terroristen keine Schranken, weil sie wissen, dass sie in jedem Fall ans Ziel kommen. Beide Positionen präsentieren die Schauspieler in eindrucksvollen Plädoyers, mit philosophisch-rechtlichen Argumenten, wobei sich die Staatsanwältin etwas ausschweifend wiederholt. Vielleicht, weil sie sich selbst überzeugen muss? Alles das bleibt bewusst offen – „Terror“ ist provozierendes Theater, das das Lüdenscheider Publikum in seinen Bann zog.

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