Jürgen Gade referiert über „Gelassenheit, Müßiggang, Nichtstun“

„Einen Tag lang ein Unsterblicher sein“

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Referent Jürgen Gade und Anja Weber von der Stabstelle Demografie und Sozialplanung vor einem Foto der der Wanderausstellung „Was heißt schon alt?“.

Lüdenscheid - Für „Gelassenheit, Müßiggang, Nichtstun“ machte sich am Montag der Lüdenscheider Jürgen Gade bei einer Vortragsveranstaltung im Bürgerforum stark.

„Einen Tag ungestörter Muße zu verleben, heißt einen Tag lang ein Unsterblicher zu sein“, sagt ein altes chinesisches Sprichwort. „Gönne dir einen Augenblick des Friedens, und du wirst begreifen, wie unsinnig es war, dich abzuhetzen“, mahnt ein weiteres. In der Hektik des Alltags bleiben ungestörte Muße und Augenblicke des Friedens jedoch häufig auf der Strecke.

Im Rahmen der Wanderausstellung „Was heißt schon alt?“ forderte der freischaffende Rentner eine Entschleunigung des Lebens ein. „Seien Sie sich bewusst, dass das Leben auch schöne Seiten hat und Spaß macht“, mahnte er. „Die wichtigste Zeit ist jetzt – und jetzt ist immer.“

Wer nach Ansicht der Fleißigen nicht fleißig genug sei, gelte schnell als faul, antriebslos und träge, führte der gelernte Sozialarbeiter und Familientherapeut aus. Beim Rückblick auf ihr Leben würden Sterbende jedoch zwei Dinge am meisten bedauern. „Erstens: Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mein eigenes Leben zu leben. Zweitens: Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet.“

Bis heute seien es vor allem Künstler, die das Lob der Gelassenheit hochhalten. An einen unvergessenen Sketch von Loriot, in dem ein Mann müßig vor sich hin sitzt und nichts als in Ruhe sitzen will, erinnerte er. Überbelastung durch Hetze und Termindruck seien die Probleme der Zeit. Für sich ließ Gade das fragwürdige Angebot einer Burnout-Klinik mit ellenlanger Therapieliste, die alles, nur keine Ruhe bot, stehen.

Die Zahl derer, die vor den Anforderungen der Zeit kapitulieren und frühzeitig in Rente gehen, nehme rapide zu. Im Durchschnitt seien Betroffene 49 Jahre alt und erhielten 600 Euro Rente. „Das Talent zur Ruhe im Alltag ist nötig“, mahnte Gade. Der Effekt, die Seele baumeln zu lassen, um Kraft für neue Aufgaben zu tanken, sei allenfalls noch aus dem Urlaub bekannt.

Auf das Gedankenspiel des Makroökonomen Martin Stürmer, der sich mit der Frage beschäftigte: „Wie viel Muße können wir uns heute eigentlich erlauben, wenn wir uns mit dem Lebensstandard von vor 50 Jahren zufriedengäben, aber die Technik von heute nutzen könnten?“, ging er ein.

In den vergangenen 50 Jahren habe sich die Produktivität verdreifacht. Der galoppierende Fortschritt habe nicht nur psychische Folgen, sondern auch Finanzkrisen und den Klimawandel mit sich gebracht. „In der Hightech-Gegenwart hat sich die Geschwindigkeit derart erhöht, dass Menschen Probleme haben, mit ihrer eigenen Geschwindigkeit mitzukommen.“

Die Welt stecke voller Möglichkeiten, die mit Genuss, Freude und Schönheit zu tun haben. Vieles sei allerdings einkommensabhängig, kam aus Reihen der Besucher ein Einwurf. Alleinerziehende oder Frauen mit geringer Rente könnten sich Müßiggang nicht leisten. „Es arbeiten heute Leute bis 74 (Jahre).“

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