Computer des Cappuccino-Mörders „unfassbar durchstrukturiert“

Lüdenscheid - Der Kripo-Beamte aus Iserlohn ist ein erfahrener Profi. Die Auswertung von Computerdateien ist sein Alltag. Doch was sich auf den Rechnern befindet, die er in Guido W.s Wohnung sichergestellt hat, „so was habe ich in 14 Jahren noch nicht gesehen“, sagt der 52-Jährige im Zeugenstand.

Die Sammlung von Dateien sei „sehr umfangreich“. Es geht um rund 500 000 Fotos und mehrere tausend Videos, auf denen nackte oder leicht bekleidete Kinder zu sehen sind. „Zu 95 Prozent Jungs“, sagt der Polizist.

Der Angeklagte muss am Computer vorgegangen sein wie ein penibler Bürokrat. Nach den Worten des Mannes von der Kripo stieß er bei der Suche nach Bildern oder Filmen von Opfern des als „Cappuccino-Mörder“ berüchtigten Mannes auf „unfassbar durchstrukturierte“ Listen und Ordner – mit genauen Beschreibungen und Titeln, sortiert nach Themen und Orten. Der Zeuge sagt: „Das war zum Teil eher harmlos, aber es war auch Hardcore-Kinderpornographie dabei.“ Das Material stamme aus dem Internet und sei auch selbst fotografiert oder gefilmt. Fotos von dem Neunjährigen, über den das aktuelle Verfahren erst ins Rollen gekommen ist, sind auf dem Rechner offenbar nicht vorhanden.

Außerdem stieß der Fahnder bei der monatelangen Auswertung auf Textdateien, die zumindest in einem Fall mehr Licht ins Dunkel bringen dürften. Denn ein Zeuge, den W. als „Ziehsohn“ bezeichnet, hatte zu Prozessbeginn ausgesagt, er sei als Jugendlicher vom Angeklagten ohne Betäubung beschnitten worden. Erst im Krankenhaus hätte die Blutung gestoppt werden können.

Eine Behauptung, die W. durch seine Anwälte postwendend bestritt. In einer von ihm gespeicherten und von der Polizei gefundenen Notiz heißt es jedoch unter anderem: „Beschneidung André, Butterfly-Messer gehörte mir.“ Im Videofundus des Angeklagten tauchten zudem Beschneidungsszenen auf, „teilweise orientalischen Ursprungs“, wie der Zeuge anmerkt.

Klarer sehen die Prozessbeteiligten nach der Aussage des Computer-Fahnders auch W.s Aktivitäten beim Internet-Kommunikationsdienst „Skype“. Hier machte er sich mit erfundenen Identitäten an Kinder und Jugendliche heran. So hatte zum Beispiel einer der Zeugen, ein 20-jähriger Gebäudereiniger, am zweiten Prozesstag geschildert, wie er sich am Bildschirm gleichzeitig mit mehreren Partnern austauschte. Ob „Tim“, „Finn“, „Chain“, „Luca“ oder „Luis“ aus München, Kanada oder Holland – stets steckte bekanntlich Guido W. dahinter. Der äußert sich bislang nicht dazu.

Doch der Ermittler deckt erstaunliche Erkenntnisse auf. Demnach hat der Angeklagte nicht fünf, sondern 72 Accounts bei „Skype“ betrieben – „eine unfassbare Liste“, wie der Polizist sagt. Das lasse sich nach der Auswertung zweifelsfrei feststellen.

Außerdem sagten gestern die Mutter sowie die Schwester des „Ziehsohns“ des Angeklagten aus, die mit W. bis zu dessen Inhaftierung wegen des Cappuccino-Mordes zusammen lebten.

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