Beeindruckender Besuch 

Zeitzeugen des Holocaust berichten an den Staberger Gymnasien

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Beeindruckt hörten die Schülerinnen und Schüler der Staberger Gymnasien gestern den Berichten der Holocaust-Überlebenden zu und stellten auch Fragen.

Lüdenscheid - „Können Sie dem Mann dort vorne sagen, dass ich bewundere, wie mutig er war?“, fragt eine Schülerin die Dolmetscherin Natalja Part. Anerkennung und Respekt vor einer ungewöhnlichen Lebensleistung drückt die Frage aus, und genau diese Achtung vor Gregori Gurvich, Überlebender des Holocaust, und weiteren Zeitzeugen ist die vorherrschende Stimmung in der Aula des Geschwister-Scholl-Gymnasiums.

Schülerinnen und Schüler der Oberstufenkurse Sozialwissenschaften, Geschichte und Religion des Scholl- und des Zeppelin-Gymnasiums hören aufmerksam zu, als der heute 84-Jährige von seiner Kindheit erzählt, die am 22. Juni 1941 jäh endet, als er von seiner Familie getrennt wird und in einer Stadt in Weißrussland, die in Flammen steht, gemeinsam mit weiteren Kindern von Soldaten der deutschen Wehrmacht abtransportiert wird. Auf einem Hof werden sie unter widrigsten Bedingungen als Arbeitskräfte eingesetzt. 

„Als ich dort ankam, bin ich in diesem Moment erwachsen geworden“, schildert er. In einer Nacht läuft er weg und ist ein Monat lang unterwegs, bis er seine Heimatstadt Minsk erreicht. Er findet das Elternhaus, doch seine Mutter ist evakuiert, sein Vater bei der Armee, und die Deutschen richteten für die Juden gerade ein Ghetto ein. „Ich bekam gleich einen gelben Stern auf Rücken und Brust. Wer seine Wertsachen nicht abgab, wurde geplündert oder ermordet. ,Wenn du überleben willst, musst du arbeiten’, sagte man mir.“ Der kleine Gregori begreift und räumt Trümmer von zerbombten Häusern von der Straße. „Eine kleine Portion dünnflüssige Suppe und Brot gab es pro Tag. Ich hungerte.“ Nach Impfversuchen an Kindern, die auch bei ihm zweimal durchgeführt werden, krümmen sich Hände, Beine und Füße. „Ich habe bis heute Leukämie.“

14 Monate dauert das Martyrium, dann flüchtet Gregori Gurvich erneut, wird aufgegriffen und in ein Waisenhaus gebraucht, wo ihn 1942 „die gleiche Hölle“ erwartet: Hunger, ein sadistischer Direktor, der irgendwann inhaftiert wird. Die Mutter findet ihren kleinen Sohn schließlich. „Ich fing plötzlich schlimm an zu stottern, erst nach drei Jahren konnte ich wieder besser sprechen.“ Er darf über seine Erlebnisse nichts erzählen, da ein Befehl Stalins gilt, nach dem der, der in einem KZ oder einem Ghetto gewesen war und überlebt hat, den Nazis gedient und gegen das russische Volk gewesen sei. Seine Mutter stirbt 1952, sein Vater fällt am 20. April 1945. Sein Grab findet der Sohn auf einem Friedhof in Polen, unter weiteren 1152 sowjetischen Gräbern.

1991 wandert Gregori Gurvich wegen des stark verbreiteten Antisemitismus in seiner Heimat nach Israel aus. Er hat heute einen Sohn und zwei Enkelkinder. „Ich wünsche euch Glück und hoffe, ihr seid unserem israelischen Volk immer in Freundschaft verbunden“ – mit diesen Worten beendete er seinen Vortrag, der alle in der Aula tief beeindruckte und berührte.

Sowohl Scholl-Leiterin Michaela Knaupe als auch Zepp-Chef Sebastian Wagemeyer bedankten sich für den Besuch und die Strapazen, die die insgesamt 13 Zeitzeugen mit ihrer Reise von Israel nach Deutschland auf sich genommen hatten.

Unter dem Titel „Freiheit braucht Versöhnung“ steht die Begegnung. Ein Freundeskreis, dem die Versöhnung mit den Opfern des Holocaust am Herzen liegt und zu dem auch die Lüdenscheiderin Rosi Dicke gehört, sowie Achim Grafe, Vorsitzender des Vereins „Haus des Lebens“, haben Einladung und Empfang der Gäste organisiert. Auch Landrat Thomas Gemke begrüßte gestern die Überlebenden des Holocaust.

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