Ausstellung „Abgestempelt“: Infame und hasserfüllte Botschaften auf Postkarten

Auf Borkum waren die Juden um 1900 nicht mehr willkommen. Die letzte Strophe wurde von antisemitischen Badegästen verfasst.

Lüdenscheid - Auf den ersten Eindruck kommen die Postkarten mit antisemitischen Botschaften subtil daher, doch schnell schlagen sie in Hass, Neid und Diffamierung um. Die Grenzen des Anstands sind längst überschritten.

Wer sich ein wenig Zeit nimmt, der findet in der Ausstellung „Abgestempelt – Judenfeindliche Postkarten“, die im Bürgerforum des Rathauses von der Bundeszentrale für politische Bildung präsentiert wird, viele Beispiele für die infame Diskriminierung der Juden. Bildpostkarten waren Ende des 19. Jahrhunderts bis weit ins 20. Jahrhundert hinein das, was heute Kurznachrichten übers Handy sind.

So zeigt eine Postkarte mit dem unverfänglichen Titel „Gruss aus Borkum“ auf der linken Seite Urlauber, die sich, feierlich gekleidet, von einem Salonorchester unterhalten lassen. Das betuchte Bürgertum gönnt sich um 1900 den Luxus der Sommerfrische. Die Urlauber genießen Sicherheit, Bildung und Wohlstand, der aber nur ihnen vorbehalten sein soll. Als auch Juden hinzukommen, die aufgestiegen sind in der ihrer gesellschaftlichen Stellung und mithalten können, findet das Bürgertum dies unerträglich. Badegäste ergänzen das ansonsten unverfängliche Borkum-Lied um eine Strophe:

„Es herrscht im grünen Inselland ein echter deutscher Sinn/drum alle, die uns stammverwandt, zieh’n freudig zu dir hin/An Borkums Strand nur Deutschtum gilt, nur deutsch ist das Panier/Wir halten rein den Ehrenschild Germanias für und für./Doch wer Dir naht mit platten Füßen, mit Nasen krumm und Haaren kraus/der soll nicht deinen Strand genießen/der muss hinaus! Der muss hinaus! Hinaus!“

Entsprechende Zeichnungen und Karikaturen sind über dem Text abgebildet. „Solche Postkarten wurden millionenfach offen verschickt und machten die Pathologie Antisemitismus konsensfähig“, sagte Dr. Ulrike Schrader, Leiterin der Begegnungsstätte „Alte Synagoge“ in Wuppertal, bei der Eröffnung am Donnerstag (wir berichteten). „Darauf konnten die Nazis problemlos aufbauen.“ Die verschiedenen Tafeln zeigen eine Auswahl der von dem Berliner Sammler Wolfgang Haney gesammelten fast 1000 antisemitischen Postkarten. Die meisten stammen aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg. Gezeigt werden soll aber nicht nur Vergangenes. Der Sinn der Ausstellung besteht auch darin, Diskriminierungen und ihre Formen in der Gegenwart zu erkennen.

Drei Thementafeln haben Mitglieder des Gedenkzellen-Vereins erarbeitet. Sie stehen am Rand der Ausstellung und informieren über Lüdenscheider Aspekte zum Thema. Die Ausstellung ist bis zum 2. September zu sehen.

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