„Er liebte ihn sehr“

Aussagen und Hintergründe im Prozess gegen „Cappuccino-Mörder“

Lüdenscheid - Der erste Tag im Missbrauchs-Prozess gegen den sogenannten Cappuccino-Mörder offenbart, wie der Angeklagte seine Pädophilie auslebte. Mit welcher Taktik er sich das Vertrauen von Eltern kleiner Söhne erschlich, um letztlich an die Kinder heranzukommen. Die Aussagen der Zeugen gewähren einen Einblick in ein Doppelleben – allen voran die Angaben seiner ehemaligen Lebensgefährtin und ihres zehnjährigen Sohnes.

Die Frisörin (53) spricht, als könne sie die wahren Hintergründe ihrer Freundschaft zum Angeklagten noch gar nicht fassen. Auch mit Bekanntwerden der Vorwürfe gegen den 55-Jährigen begreift sie noch nicht, in welche Gefahr sie ihr Kind gebracht hat.

Die Frau erzählt, wie sie ihn kennengelernt hat, dass sie im Park mit Kindern gespielt haben und zusammen schwimmen gegangen sind. Ihr Sohn habe sich schnell mit Guido W. angefreundet. „Er liebte ihn sehr.“ Und als dann ihr Ex-Mann, der leibliche Vater des Jungen, starb, habe der Angeklagte dem Kind „sehr“ geholfen, die Trauer zu verarbeiten.

Bei der Polizei hat die Frisörin zu Protokoll gegeben, ihr Sohn habe in der Beziehung „immer im Vordergrund“ gestanden. Richter Marcus Teich will das konkreter wissen. Da sagt die Zeugin: „Zu mir war Guido immer sehr distanziert. Er hat mich als Frau geachtet, aber wir hatten keine sexuelle Beziehung.“ Und: „Als Frau fühlte ich mich wie das fünfte Rad am Wagen, als Mutter wie eine Außenstehende.“

Sie beendet das Verhältnis, als er sie auffordert, sich mehr zu kümmern und den Jungen auch mal auf den Schoß zu nehmen. Sie verbittet sich die Einmischung und bricht den Kontakt ab. Einen Tag später schickt er ihr wütende SMS-Botschaften voller Eifersucht auf die Mutter-Kind-Bindung. „Du siehst ihn als deinen Liebhaber“, soll er geschrieben haben. „Da schreite ich ein, ich zeig dich an.“

„Sonst gibt’s Ärger“

Der Zehnjährige im Zeugenstand wirkt verschreckt, obwohl er auf dem Schoß seiner Mutter sitzt. Richter Teich geht behutsam mit dem Kind um, wirbt um Sympathie und sagt: „Du musst keine Angst haben, hier wird dir niemand was tun.“

Es stellt sich heraus, dass der Junge seiner Mama nie was erzählt hat. Dass der Angeklagte ihm gesagt hat, er würde sonst Ärger bekommen. Zum Richter sagt der kleine Zeuge: „Aber irgendwann wollte ich’s doch mal sagen!“ Jetzt antwortet er zögerlich, es ist ihm unangenehm, er bestätigt wiederholte intime Berührungen „auf der Haut“, vermeidet aber, Details zu nennen. Auf die Frage, ob’s auch mal Spiele unter der Dusche oder „was mit Fotos“ gegeben hat, sagt der Zehnjährige leise: „Das weiß ich überhaupt nicht mehr.“ Eine Polizistin hat ausgesagt: „Die Wohnung des Angeklagten sah aus wie ein großes Kinderzimmer.“

Schon vor 20 Jahren, als es um den Giftmord an seiner Arbeitskollegin ging, wurden die pädophilen Neigungen des Angeklagten W. zum Prozessthema, wenn auch eher am Rande. Es wurde bekannt, dass er Kontakte zu einer sozial labilen Familie unterhielt und sich besonders um einen Jungen gekümmert hat. Gegenüber der Frisörin hat er ihn im vergangenen Jahr als „Ziehsohn“ bezeichnet. Aber er hat ihr auch erzählt, dass er seine damalige Freundin umgebracht habe, weil sie von ihm schwanger gewesen sei und abgetrieben habe, ohne ihn zu fragen. Ob das stimmt oder auch wieder eine Legende ist, wurde nie abschließend aufgeklärt.

Jetzt jedenfalls sitzt der damalige „Ziehsohn“ im Zeugenstand, 36 Jahre alt, geschieden, selbst Vater zweier Söhne. Und sagt äußerlich ungerührt über den Angeklagten: „Ich habe in ihm meinen Stiefvater gesehen.“ Ohne ihn sei er „heute vielleicht tot oder der größte Verbrecher“, denn „meinen Eltern war ich immer scheißegal“.

„Komme was da wolle“

Aber er berichtet auch, dass Guido W. ihn damals ohne Betäubung beschnitten habe – und die schwere Blutung erst im Krankenhaus gestillt werden konnte. Dem Arzt habe man was von einer „Auseinandersetzung mit einer Katze“ erzählt.

Es sollen weitere Zeugen gehört werden. Guido W. erlebt den Prozess als Patient des hochgesicherten Justizvollzugskrankenhauses Fröndenberg. Das Profilbild auf seinem Facebook-Account zeigt ihn mit einem kleinen Jungen im Arm. Darunter steht: „Das Profilbild gemeinsam mit (...) werde ich nie wieder ändern, komme was da wolle!!!“

Der Prozess wird am Dienstag um 9 Uhr im Saal 201 fortgesetzt.

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