Aussage im Schutzgeld-Prozess: „Er wollte es klären“

Lüdenscheid - Die Stimmung im sogenannten Schutzgeld-Prozess bleibt ungewöhnlich angespannt. Vor allem auf Zwischenrufe von Verteidigern reagiert die Vorsitzende Richterin Heike Hartmann-Garschagen vermehrt ungehalten. Der Hauptangeklagte, Murat S., und sein Ex-Kompagnon im Automatengeschäft, Yasin H., brüllen sich am jüngsten Verhandlungstag gegenseitig auf türkisch an. Die Richterin: „Wir haben hier eine Diktion (Ausdrucksweise, d.Red.), die nicht gut ist!“

Die Erkenntnisse aus Vernehmungen und Telefonüberwachungen in den Prozess gegen die vier Angeklagten einzuführen, bleibt ein mühsames Geschäft. Denn Zeugen, die Akteninhalte bestätigen könnten, erweisen sich für das Gericht als schwierige Gesprächspartner. So verweigert der Inhaber (55) eines Zockerladens am „Knapp“ – er bezeichnet sich als „arbeitslos“ – jegliche Aussage. Das ist sein gutes Recht, denn er ist ein direkter Onkel des Hauptangeklagten und muss sich über die Machenschaften von Verwandten nicht äußern.

Was in der Spielhalle passiert ist, darüber berichtet stattdessen ein 36-jähriger Sicherheitsmann. Demnach hat es Anfang vergangenen Jahres zunächst in einem griechischen Café am Rathausplatz Zoff gegeben. Zwei Brüder – zu der Zeit Betreiber einer Dönerbude in der Fußgängerzone – hätten betrunken Flaschen umgeschmissen und Gäste beleidigt. Das Fest – offenbar unter Murats Regie – muss beendet werden. Wenige Tage später: Der Sicherheitsmann bringt einen der Brüder in Murats Auftrag zur Knapper Straße. „Er wollte das klären.“

Das „Gespräch“ läuft so: Die beiden Begleiter des Automatenaufstellers verdreschen den Dönermann, anschließend „einigt“ sich Murat S. mit ihm auf eine Zahlung von 3000 Euro. So weit die Schilderung des Sicherheitsmanns. Warum er seinen Bekannten zu S. gebracht habe, will die die Richterin wissen. „Ich war seine Vertrauensperson. Ich wusste nicht, dass die auf ihn draufgehen wollen, ich war geschockt.“ Der Dönermann ist nach der Attacke nicht nur geschockt, sondern auch erniedrigt. Er will sich für die Schmach rächen und besorgt sich eine Pistole. Doch die Polizei nimmt sie ihm rechtzeitig ab.

Ein weiterer Zeuge (26) – „Ich habe immer nur geholfen, Automaten hin- und herzutragen“ – war Murats Fahrer, kennt kaum jemanden, war „nirgendwo dabei“ und wurde nach eigenen Worten von Polizisten gezwungen, „irgendeinen Scheiß“ zuzugeben. „Das habe ich gemacht, damit die mich endlich in Ruhe lassen.“

Dann sagt er: „Ich habe mit niemandem Probleme.“ Staatsanwalt Axel Noelle riecht eine Falschaussage und korrigiert ihn: „Doch!“ – „Ach ja, mit wem denn?“ Der Staatsanwalt: „Mit mir!“

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