Amtsgericht: „Sie können es Stalking nennen“

Lüdenscheid -   Wäre ein Mann im Haus, hätte der das Problem mit dem Nachbarn wohl längst auf die harte Tour gelöst. Aber so sind die Lüdenscheiderin (56), deren Tochter und Enkeltochter den Belästigungen des 49-Jährigen wehrlos ausgeliefert. Nach dem Hausfriedensbruch in 20 Fällen sowie der „Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereiches durch Bildaufnahmen“ in zwei Fällen verurteilt Strafrichterin Kristina Thies den Angeklagten zu einer Geldstrafe von 1800 Euro. Wäre er vorbestraft, müsste er wohl ins Gefängnis – für bis zu zwei Jahre.

Die Frau wohnt stadtzentral, aber idyllisch zur Miete. Erdgeschoss, kleiner Garten, Hecke, Terrasse. Doch immer wieder gibt’s im Juli ‘15 ungebetenen Besuch. Vornehmlich spätabends oder nachts schleicht der Mann durch den Garten. Sie schickt ihn immer wieder weg. Er kommt zurück, viermal pro Woche. Mal mit Fotoapparat, mal mit LED-Licht am Mützenschirm. Die Zeugin sagt zu Richterin Thies: „Sie können es Stalking nennen.“ Aber sie wolle sich ihr Leben „von so einem“ nicht diktieren lassen.

Der Angeklagte, Hartz-IV-Empfänger, „eigentlich bin ich am studieren“, gibt sich störrisch und verrennt sich in Widersprüche. Er kenne die Frau aus der Gemeinde und habe sie besuchen wollen, so eine Version. Dann wieder sagt er, er sei „interessiert an astronomischen Ereignissen“ und habe von seiner Wohnung aus „keine Aussicht auf den westlichen Horizont“ gehabt, „vom Grundstück der Dame aber optimal“. Zum Beispiel das „Zusammentreffen von Jupiter und Venus“.

Der Oberamtsanwalt schimpft, das passe alles nicht zusammen, „und das nervt mich“. Das sei „doch alles Quatsch“. Später nennt er die Aussage des Beschuldigten „erbärmliche Ausflüchte“ und „Kokolores“. Die Angaben der Zeugin dagegen seien „offen und detailreich“. Doch, so der Ankläger weiter, er habe „keine Hoffnung, dass das aufhört“.

Im Gegenteil: Für das Opfer ist die Sache noch schlimmer geworden. Die Zeugin: „Als ich von einem Krankenhausaufenthalt zurückkam, hatte er genau gegenüber von mir eine Wohnung bezogen.“ Er beobachte sie jetzt vom Fenster aus, fotografiere und begleite sie in die Stadt und zurück. Die Richterin sagt zu dem Mann: „Das geht deutlich zu weit.“ Das treffe den Begriff Stalking „ziemlich genau“. Für die Zukunft habe sie „kein gutes Gefühl“, so Kristina Thies.

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