Amtsgericht: Keine Mathematik im Gerichtssaal

Lüdenscheid - „Das richtige Strafmaß zu finden, das ist keine Mathematik. Es gibt keine Automatismen, es gibt kein Schwarz-Weiß.“ Dieses Credo, das Strafrichter Andreas Lyra als seine richterliche Überzeugung offenbart, kommt einem 28-jährigen Drogensüchtigen gerade sehr zupass. Der sitzt ohnehin schon im Gefängnis – hat aber kurz vor seiner Inhaftierung noch einen kleinen Ladendiebstahl begangen. Eigentlich, sagt der Richter, „könnte man meinen, das war’s jetzt“. Doch der persönliche Eindruck des Angeklagten sei „ordentlich“. Es gibt zwei Monate auf Bewährung.

Am 18. April dieses Jahres droht der Hunger außer Kontrolle zu geraten. Also greift er im Supermarkt zu: Energy-Drinks, Früchtequark, Küchlein, Schokolade, eine Tasche voll, Wert: 30,94 Euro. Andreas Lyra merkt an: „Sie sind ja ein ganz Süßer, alles süße Sachen.“ Der Angeklagte erklärt: „Ich war drogenabhängig, war sechs Tage und sechs Nächte wach und hatte nix gegessen.“ Zu der Zeit habe er von Hartz IV gelebt, 40 Euro pro Woche, „und ich hatte ja noch Schulden“.

Den Richter wundert noch etwas: nur eine Vorstrafe im Bundeszentralregister, Hausfriedensbruch. „Dafür, dass Sie schon seit acht Jahren drogenabhängig sind, ist das erstaunlich wenig.“ Und ob er vielleicht nur Glück gehabt habe. „Oder irgendwie so durchs Leben gekommen?“ Strafverteidiger Dominik Petereit wird seinem Mandanten vorher gesagt haben, welche Antwort die Richtige ist. „Bin halt irgendwie so durchgekommen.“

Ansonsten sprechen die Lebensdaten ihre eigene Sprache. Nichts gelernt, bisschen als Leiharbeiter gejobbt, mit 21 Vater geworden, mehrere Entgiftungen durchlaufen, drei Therapien abgebrochen. Am 14. Dezember endet seine Haftzeit. „Wenn ich Glück habe, kriege ich Weihnachts-Amnestie, dann komme ich schon im November raus.“ Andererseits sind sich die Prozessbeteiligten einig: „Die Haft hat ihm gutgetan“, so die Staatsanwältin. Der kurzgeschorene freundliche Mann auf der Anklagebank nickt lächelnd.

Die Einstellung des Verfahrens kommt für die Anklägerin nicht in Frage. Sie beantragt einen Monat Gefängnis „ohne“. Eine Geldstrafe für den Ladendiebstahl ist nach Auffassung des Richters „kontraproduktiv. Am Ende können Sie nicht bezahlen und müssen eine Ersatzfreiheitsstrafe absitzen“. Das Urteil erscheint salomonisch. Eine wichtige Auflage ist zu erfüllen. Eine Therapie antreten – und durchhalten!

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