Amtsgericht: Eine „gewaltige Menge“ Drogen in der Wohnung

Lüdenscheid - „Er war froh, dass endlich alles vorbei war“, sagt Strafverteidiger Thorsten Sonneborn über seinen Mandanten (27). Und man wolle „der Anklage nicht entgegentreten“. Viel mehr als ein Geständnis bleibt dem Ex-Lüdenscheider auch nicht übrig. Die Polizei hat am 17. April vergangenen Jahres in seiner Wohnung nahe dem Kluser Platz rund zwei Kilogramm Drogen gefunden. Damit war er eines Verbrechens überführt, für das ein Strafrahmen von bis zu 15 Jahren gilt. Dass das Schöffengericht unter Vorsitz von Richter Jürgen Leichter den ungelernten Arbeiter dennoch mit zwei Jahren auf Bewährung davonkommen lässt, hat mehrere Gründe.

Laut Rechtsanwalt Sonneborn wäre es allerdings „leicht gewesen, ein Märchen zu erzählen“. Zum Beispiel, dass der Mieter wochenlang vor der Razzia gar nicht mehr in seiner Bude gewesen sei. Und dass irgendjemand anderes also genug Gelegenheit gehabt hätte, „Gras“, LSD oder Amphetamin dort zu deponieren.

Aber der Mann auf der Anklagebank will reinen Tisch machen. „Das war mir alles über den Kopf gewachsen.“ Das Zeug sei zum Teil für den Eigenbedarf gewesen, aber auch für den Verkauf – „aber nicht an Endverbraucher“. So habe er zum Beispiel Amphetamin 500-Gramm-weise für jeweils 1500 Euro verkauft, vermutlich an Leute, die es auf der Straße weiterverkaufen. Klar ist auch, dass die Polizei die Wohnung nach der Durchsuchung versiegelt hat und dass jemand das Siegel gebrochen und noch mal drin gewesen ist. Der Angeklagte: „Davon weiß ich nichts.“

Er weiß nur, dass er mit dem hiesigen Drogenmilieu nichts mehr zu tun haben will, deshalb zu seiner Freundin nach Bielefeld gezogen ist – und dort auch bleiben und arbeiten und sich ein neues Leben aufbauen will. Und er geht offen wie selten ein Angeklagter aus der Szene mit einem anderen Problem um. Der Richter fragt: „Sind Sie abhängig?“ Der 27-Jährige antwortet: „Ja!“ Aber es werde mit jedem Tag weniger.

Das Gericht stuft den Fund in der Kluse als „gewaltige Menge“ ein, und auch der Staatsanwalt, der dem Mann auf der Anklagebank das Geständnis hoch anrechnet, kommt über die Menge nicht hinweg – und beantragt deshalb eine Gefängnisstrafe von zweieinhalb Jahren, natürlich ohne Bewährung. Weil es Bewährung nur bis zu einem Strafmaß von zwei Jahren gibt.

Richter Leichter bezeichnet die Angelegenheit als „Grenzfall“, erwähnt das offene Geständnis und berücksichtigt auch die Tatsache, dass der Angeklagte noch nie polizeilich in Erscheinung getreten ist. Bei der Urteilsverkündung entfährt dem Angeklagten ein tiefer Seufzer – und er fällt seiner neuen Freundin zitternd in die Arme.

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