Flüchtlinge protestieren vor dem Rathaus in Unterhosen

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Ali Mussakhodia (rechts) und Sefin Jafer demonstrierten vor dem Werdohler Rathaus, in dem sie sich stundenlang halbnackt in die Kälte stellten. Sie wollten nicht von der Flüchtlingsunterkunft Funkenburg in den Winkel umziehen.

Werdohl -   Zwei junge irakische Asylbewerber haben am Mittwoch vor dem Rathaus für erhebliches Aufsehen gesorgt: Nur mit Unterhose, Socken und Schuhen bekleidet demonstrierten die beiden ab 11 Uhr gut drei Stunden bei großer Kälte gegen eine ihrer Meinung nach unangemessene Behandlung.

Die beiden alleinstehenden Männer – Ali Mussakhodia und Sefin Jafer – protestierten gestern Vormittag gegen ihre Unterbringung in der Übergangsunterkunft Im Winkel 32. Das Haus sei ihrer Meinung nach zu weit vom Stadtzentrum entfernt, dort wollten sie nicht wohnen. Beide beklagten mehrfach in brüchiger deutscher Sprache, dass es in Deutschland keine Menschenrechte gebe. Sie gaben zu verstehen, dass sie gegen die schlechte Behandlung durch die Stadt Werdohl demonstrierten. Dazu hatten sie sich bis auf Unterhose, Socken und Schuhe ausgezogen und froren und bibberten ganz offenkundig. Auch als die Sonne schon lange hinter Wolken verschwunden war, standen die beiden unverdrossen weitgehend unbekleidet vor dem Rathaus. Erst gegen 14 Uhr waren sie nach guter Zusprache bereit, sich anzuziehen und ins Rathaus zu kommen.

Fachbereichsleiter Bodo Schmidt schilderte das Geschehen aus Sicht der Stadt Werdohl. Die beiden jungen Männer aus Irak waren im September nach Werdohl gekommen und in einem Sechs-Personen-Zimmer im Übergangswohnheim Funkenburg untergebracht worden. Dort lebten sie zuletzt mit zwei weiteren alleinstehenden jungen Männern. Anfang der Woche sei starker Schimmel in dem Zimmer festgestellt worden, so Schmidt. Die Stadt habe alle vier Personen sofort umsiedeln müssen, da eine Gesundheitsgefährdung durch den Schimmel zu befürchten sei. Der Schimmel sei entstanden, weil in dem Zimmer nicht richtig gelüftet wurde. Die Männer hätten dort monatelang gelebt, geschlafen und wahrscheinlich auch ihre Wäsche getrocknet.

Die Funkenburg war früher Kindergarten und wurde später als Übergangsunterkunft frisch hergerichtet. Die Fenster schließen dicht und die Schimmelbildung sei bei nicht ausreichender Lüftung sehr gut vorstellbar. Als der Schimmel hinter Betten und Schränken sichtbar geworden sei, habe die Behörde unverzüglich reagiert.

Zwei der vier Bewohner seien gestern Früh anstandslos in ein frisch hergerichtetes Zimmer in der Unterkunft Im Winkel 32 umgezogen. Im Stadtteil Osmecke lässt die Stadt das alte Gebäude Schritt für Schritt herrichten, es handelt sich also bei der Umsiedlung um den Erstbezug eines frisch renovierten Zimmers.

Ali Mussakhodia und Sefin Jafer aber wollten auf keinen Fall in den Winkel, weil die Siedlung ihrer Ansicht nach zu weit vom Stadtzentrum entfernt liegt. Auch als Flüchtlinge haben sie das Demonstrationsrecht, die Polizei schaute deshalb kurz bei dieser Demonstration vorbei.

Am frühen Nachmittag konnten Bodo Schmidt und Mitarbeiterinnen der Verwaltung den beiden so zureden, dass sie sich mit einer Umsiedlung in eine Notunterkunft in der Osmecke einverstanden erklärten. Dort hält die Stadt ein Zimmer für plötzlich unterzubringende Obdachlose bereit. Dass die Osmecke 13 d in unmittelbarer Nähe des Flüchtlingshauses Im Winkel liegt, schien die beiden nicht zu stören.

Fatalerweise ereilte Bodo Schmidt just in diesem Augenblick der Notruf, dass er aktuell einen Obdachlosen unterzubringen habe. Da die Notunterkunft Osmecke durch die beiden Iraker besetzt war, blieb nichts anderes übrig, als den Obdachlosen im Winkel unterzubringen. Der Obdachlose ist übrigens ein anerkannter Flüchtling, der nach langer Reise aus Ostdeutschland in Werdohl ohne Dach über dem Kopf gestrandet war.

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