Zeitreise ins Berlin von 1961

In dem von Renate Drangmeister an das Stadtarchiv übergebenen Buch befindet sich auch ein Bericht über das Hotel Hilton – und dessen Zimmerpreise – in Berlin. -

Werdohl - „Erschüttert betrachten wir die unsinnigen Grenzen durch unser deutsches Vaterland. Drüben Deutsche auf dem Wachturm, die verhindern, dass Deutsche ungehindert zu Deutschen kommen.“ So steht es in einem Schüler-Bericht über die Abschlussfahrt der Klasse 6c der Werdohler Realschule nach Berlin im Jahr 1961.

Die zu einem Buch gebundenen handschriftlichen Berichte über die Fahrt überreichte Renate Drangmeister jetzt an Reinhild Wüllner-Leisen, Betreuerin des Stadtarchivs.

„Das ist unheimlich interessant für die Zeitgeschichte. Ich freue mich sehr über dieses Buch“, dankt Wüllner-Leisen Renate Drangmeister.

Das Buch, damals von Mitschüler Gerd Dickehage eigenhändig in Leder eingebunden, wurde im Nachlass des verstorbenen Klassenlehrers der 6c gefunden und Drangmeister, aus der ehemaligen Parallelklasse, übergeben.

„Es werden die unterschiedlichsten Themen über Berlin behandelt: Einer schrieb über das kulturelle Leben in West-Berlin, einer über das Hotel Hilton und ein anderer über die Luftbrücke“, sagt Drangmeister. Interessant sei hierbei, dass die Klassenfahrt noch vor dem Mauerbau statt gefunden hatte und die Eindrücke so ganz besondere gewesen seien.

„Die Schüler haben auch Erfahrung mit dem Kontrollstreifen gemacht. Das war bedrückend“, sagt Drangmeister.

Einer der Schüler, Gunter Jahn, durfte gar nicht erst mit nach Berlin, da sein Vater vor 1948 in Brandenburg als Lehrer tätig war und dann mit seiner Familie in den Westen ging. Daher war Gunter Jahn die Reise in die „Zone“ verboten. Sein Bericht war dementsprechend kurz.

Ein ums andere Mal sahen sich die Schüler mit dem „Deutschlandproblem“, der Teilung und der „roten Brille des Ostens“, konfrontiert, erfreuten sich aber auch an Besuchen eines Jazzclubs, des Olympiastadions, des Museumsviertels oder der Freien Universität. Den damaligen Bürgermeister Willy Brandt bedauerten die Schüler nicht getroffen zu haben, da dieser gerade in den USA weilte.

„Jeder, der sich für dieses Buch interessiert, kann gerne herkommen und sich die Berichte ansehen“, sagt Wüllner-Leisen.

Auch andere Schriftstücke im Archiv kann man sich, nach Terminabsprache, ansehen. „Für die Ahnenforschung könnten zum Beispiel die Geburtsurkunden von 1875 bis 1905, die Sterbebücher von 1875 bis 1985 und die Heiratsbücher von 1875 bis 1935 sehr interessant sein“, erläutert Wüllner-Leisen.

Auch wäre es schön, wenn noch mehr Leute ins Archiv kämen, um Schriftstücke oder Fotos, die das Wissen um die Geschichte Werdohls bereichern, abzugeben.

„Alles, was mit der Stadt Werdohl zu tun hat, ist für uns interessant“, sagt Wüllner-Leisen. Unter Tel. 0 23 92 / 91 72 47 oder 0 23 92 / 80 66 54 32 kann man mit Wüllner-Leisen einen Termin zur gezielten Archiv-Einsicht vereinbaren. „Natürlich kann nicht jeder in das eigentliche Archiv. Aber wir haben ein Findbuch, das die Suche nach bestimmten Dokumenten erleichtert. Ist das Schriftstück gefunden, hole ich es aus dem Archiv und der Interessierte kann es sich in Ruhe ansehen“, erläutert Wüllner-Leisen.

Das gilt nun auch für die Berichte der Abschlussfahrt 1961 der damaligen 6c, die „aufgewühlt und doch voller Hoffnung“, weil die Schüler durch ihren Berlin-Besuch das Schicksal Deutschlands nun realer sahen, nach Werdohl zurück fuhr.

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