Der Werdohler Wald atmet auf

Revierförster Kevin Hauser ist in Werdohl zuständig für mehr als 2200 Hektar Wald. Mit dem Zustand der Bäume an Lenne und Verse ist der 36-Jährige durchaus zufrieden. - Foto: Koll

Werdohl - Förster Kevin Hauser ist begeistert vom Wetter in diesem Sommer: Genauso wie im vorigen Jahr gibt es überdurchschnittlich viel Regen und kälter als gewöhnlich ist es auch noch. Der positive Nebeneffekt dieses schäbigen Wetters: „Es gibt weniger Borkenkäfer. Diesbezüglich ist die Situation ganz entspannt in diesem Jahr.“

Der bekannteste Borkenkäfer – der Buchdrucker – ist in Werdohl heimisch. Schließlich, verrät Förster Hauser, „ist hier ein Fichten-Schwerpunkt und der Buchdrucker gehört zur Fichte“. Werdohl besteht zu 60 Prozent aus Wald – 90 Prozent davon sind Privatwald. Zum Vergleich: Lediglich 27 Prozent der Fläche Nordrhein-Westfalens sind Wald – gut 60 Prozent davon in Privathand.

„Und wiederum 60 Prozent der Werdohler Bäume sind hier Nadelholz“, weiß Hauser. Etwa jeder zweite Baum im Märkischen Kreis ist eine Fichte. So steht es auf einer Internet-Seite des Ministeriums für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz. Hauser ergänzt: „Dagegen haben wir in Werdohl nur ganz wenige Kiefern.“ Und statt Fichten würde vermehrt die Douglasie angepflanzt. Die komme auch mal mit weniger Regen klar.

Um für die wärmeren und trockeneren Sommer vorzubeugen, entfernt Hauser abgestorbene Bäume aus dem Wald. „Darin vermehren sich nämlich die Borkenkäfer“, weiß der beim Landesbetrieb Wald und Holz angestellte Förster. Problem: „Bei der Nässe ist es schwierig, Bäume aus dem Wald zu holen.“ Andererseits ist die Witterung gut für den Wuchs junger Fichten.

Ein Problem sei derzeit das Eschentriebsterben, „zumal wir im Werdohler Wald sowieso nur wenige Eschen haben“. Der Befall mit dem Pilz Falsches Weißes Stengelbecherchen müsse also bekämpft werden. Hauser erklärt, wie das funktioniert: „Wir stärken die vitalen, resistenten Eschen, indem wir die befallenen Bäume entnehmen. Die Widerstandsfähigkeit der übrigen Eschen überträgt sich dann hoffentlich auf die jungen Sämlinge und es entsteht eine immune Nachkommenschaft.“

Zuständig ist Hauser „hoheitlich für mehr als 2200 Hektar Wald – hauptsächlich auf Werdohler Stadtgebiet“. Zwar ist der gebürtige Baden-Württemberger erst seit Anfang 2013 an Lenne und Verse tätig, kennt längst „noch nicht jeden Baum in der Stadt“, aber einen Überblick über den Wald vor Ort hat er sich schon machen können: „Und ich blicke recht positiv in die Zukunft“. Und das, obwohl seine Amtszeit in Werdohl mit einen einschneidenden Erlebnis begann: Dem Sturm „Manni“ im Juni 2013. „Der hat Schaden zum Beispiel in Dresel und in Richtung Rosmart angerichtet. Die meisten Flächen sind

Ziel: „Klimaplastisches Ökosystem“

aber unterdessen aufgeforstet“, weiß der Förster.

Das gilt auch für die Waldgebiete, die 2007 bereits unter Kyrill litten. „Wir haben jetzt hier sehr viele Jungholz-Flächen. Ich bin mit deren Pflege beschäftigt. So brauchen junge Eichen beispielsweise sehr viel Licht, ich muss also den Lichteinfall gewährleisten.“

Hauser erläutert: „Im Allgemeinen entwickeln sich die ehemaligen Kyrill-Flächen wieder sehr gut. Der Wald werde zu einem klimaplastischen Ökosystem umgebaut: „Wir bauen bei der Wiederaufforstung dieser Gebiete auf einen stabilen Mischwald.“ Der 36-jährige Förster vergleicht das „mit der Streuung bei einem Aktienpaket“. Er erklärt: „Wir mischen Baumarten, die hier hineinpassen. Die Mischung erhöht die Chance, dass wir dem Klimawandel begegnen können.“ Falle aufgrund klimatischer Bedingungen eine Baumsorte weg, blieben noch die anderen. Hauser: „So sind wir breit aufgestellt für die Zukunft.“

Der für Werdohl zuständige Förster muss aber auch dort eingreifen, wo der Wald sich mit Naturverjüngung von selbst erhält. Das ist der Fall, wenn die Verjüngung nicht in sinnvoller Weise stattfindet – oder nicht so, wie es der Waldbesitzer wünscht. Wirtschaftliche Interessen stehen da zumeist im Vordergrund.

„Wir haben auch vielerorts Buchen unter Fichten gepflanzt.“ Das diene dem Schutz der Buchen. „Diese sind in der Jugend nämlich anfällig gegen Frost und direkte Sonneneinstrahlung“, weiß der Experte.

In einem intakten Wald fühlen sich stets auch Tiere wohl. Zwar hat Hauser noch keinen Wolf zwischen heimischen Bäumen flanieren sehen, aber durchaus Füchse, Hasen, Dachse, Marder und Wildschweine – und genügend Rehe. „Die fressen gerne die schmackhaften Jungbäume weg“, weiß Hauser, der deshalb darauf achtet, dass Jäger für einen „angepassten Wildbestand“ sorgen. Auch geschützte Tierarten gebe es vor Ort. Er wolle das zwar weitgehend geheim halten, niemanden auf falsche Ideen bringen, „jedoch haben wir in Dresel beispielsweise mal einen Uhu gesichtet“.

Hauptaufgabe eines Försters ist die Vermarktung des Holzes. Doch er hat auch mehr zu tun: „Ich lichte zum Beispiel den Wald zwischen den Eichen, um das Wachstum von seltenen Pflanzen am Boden zu fördern.“. Das passiere in enger Absprache mit der Unteren Landschaftsbehörde.

„Insgesamt muss man es sich nicht so vorstellen, dass der Förster nur durch den Wald läuft. Etwa ein Drittel meines Jobs findet im Auto und am Telefon statt, ein

Untersuchungen an Probebäumen

Drittel am Schreibtisch und

nur das letzte Drittel draußen in der Natur“, bilanziert Hauser.

Derzeit wird NRW-weit in Stichproben der Wald überprüft, indem der Zustand von rund 10 000 so genannten Probebäumen untersucht wird. Dem Wald geht es langsam besser: Vor 30 Jahren waren noch knapp 60 Prozent der Bäume frei von Schäden, bis 2014 sank der Anteil auf 23 Prozent, 2015 waren aber schon wieder 28 Prozent gesund. Die Forstleute kümmern sich jetzt um den Wald von übermorgen, damit sich die Menschen auch in 100 Jahren noch im Wald erholen und eine artenreiche Natur erleben können.

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